Großbrand in der chilenischen Hafenstadt Valparaíso

Freiwillig ins Höllenfeuer

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Valparaíso - Gut anderthalb Wochen nach dem Ausbruch des verheerenden Großbrands in der chilenischen Hafenstadt Valparaíso wird das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Tausende Freiwillige versuchen zu helfen. Eine davon ist die 25-jährige Romina Triviño aus Santiago. Von Lena Marie Jörger

Als Romina Triviño am Morgen des 13. April aufsteht, ist wenige Hundert Kilometer weiter die Katastrophe in vollem Gange. Seit Stunden wütet in der chilenischen Hafenstadt Valparaíso ein Großbrand, tausende Häuser sind schon zerstört. Die Bilder, die im Haus der Familie Triviño in der Hauptstadt Santiago über den Fernsehbildschirm flimmern, sind furchtbar. Sie zeigen ein wahres Inferno, meterhohe Flammen schlagen aus den Häusern, verzweifelte Menschen stehen weinend vor den Trümmern ihrer Existenz, und über allem hängt eine bedrohliche, dunkelgraue Rauchwolke.

„Das zu sehen, war einfach nur schrecklich“, erinnert sich die 25-jährige Romina Triviño. Ziemlich schnell wird ihr klar, sie kann nicht einfach tatenlos zuhause herumsitzen. „Ich konnte nicht da bleiben und so tun, als ob alles in Ordnung wäre, während zur gleichen Zeit Menschen alles verlieren, was sie besitzen.“ Die Studentin fasst einen Entschluss, sie will helfen. Gemeinsam mit zwei anderen jungen Frauen macht sie sich gegen Nachmittag auf den Weg ins etwa anderthalb Autostunden entfernte Valparaíso. Im Gepäck: Hygieneartikel, Kleidung, Medikamente.

„Wir fuhren los, ohne genau zu wissen, was uns erwarten würde“, erzählt Triviño. Auch wie lange die Nacht werden wird, ahnt sie bei der Abfahrt noch nicht. Schon auf der Autobahn wird die Luft immer dicker. „Je näher wir kamen, desto mehr färbte sich der Himmel.“ Über der hügeligen Stadt leuchtet er in verschiedenen Rottönen. „Schön und unheimlich zugleich.“ Das Feuer wütet vor allem in den Armenvierteln Cerro (Hügel) Mariposa und La Cruz. Die meisten Häuser bestehen aus Holz. Der historische Stadtkern, von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, bleibt verschont. Für die Menschen in der Region ist es die zweite Katastrophe innerhalb kurzer Zeit. Erst Anfang April hatte ein Erdbeben den Norden des Landes erschüttert.

„Es war chaotisch“

Romina Triviño und ihre Mitstreiterinnen fahren zunächst zu einer Kirche, die zur Notunterkunft umfunktioniert wurde, und geben die mitgebrachten Spenden ab. „Da wimmelte es nur so von Freiwilligen. Viele wollten zwar helfen, hatten aber keinen konkreten Plan, dadurch war es ganz schön chaotisch.“ Bei den drei Freundinnen ist das anders. Jede von ihnen hat Veterinärmedizin studiert. Nun wollen sie sich vor allem um verletzte und traumatisierte Tiere kümmern.

Romina Triviño aus Santiago

Andere Helfer verweisen sie an eine Mädchenschule im Herzen der Stadt. „Dort hatten wir einigermaßen gute Bedingungen, um unsere kleinen Patienten zu empfangen.“ Und das tun sie – die ganze Nacht lang. „Manche Tiere hatten nur Brandwunden an den Beinen, manche an Nase oder Schwanz. Das sah fast ein bisschen aus wie Elefantenhaut“, berichtet Triviño. „Eines hatten aber alle gemeinsam: Angst. Viele waren ja weit weg von ihren Herrchen und wussten nicht, was mit ihnen passiert.“

Die Eindrücke dieser Nacht schockieren Triviño und die anderen Freiwilligen. Doch am Tag darauf kommt es noch schlimmer. Mit dem Auto fahren sie zu den betroffenen Hügeln, um schwerverletzte Tiere wegzubringen. Romina Triviño fällt es schwer zu beschreiben, was sie dort sehen. „Da waren Hunde, die vor unseren Augen bei lebendigem Leib verbrannten. Der Anblick war grauenvoll.“ Sie schluckt. „Die Menschen waren einfach nur verzweifelt. Sie mussten zusehen, wie ihr Zuhause zerstört wurde, wie die Flammen alle Erinnerungen und Geschichten auffraßen.“ Viel für sie tun konnten die Freiwilligen nicht. „Aber manchen tat es einfach nur gut, dass ihnen jemand zuhörte oder sie umarmte.“

Nach Behördenangaben kamen mindestens 15 Menschen ums Leben, etwa 2500 Wohnungen wurden zerstört, mehr als 11 000 Menschen seien obdachlos. Chiles Präsidentin Michelle Bachelet kündigte einen Plan für den Wiederaufbau der Stadt an.

Anderthalb Wochen nach Ausbruch des verheerenden Brandes scheint die Lage Medienberichten zufolge nun weitgehend unter Kontrolle. Die Ursache ist weiterhin unklar. Ermittlungen sollen klären, ob zwei Truthahngeier das Feuer ausgelöst haben könnten. Zeugen berichteten, die Tiere seien auf einer Hochspannungsleitung verbrannt, als sich zwei Kabel berührten. Die Funken könnten trockene Blätter am Boden entzündet haben.

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