Bußpredigt mitten im Sturm

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Horst Köhler bei seiner Rede.

Berlin - Ein Regisseur hätte es nicht besser inszenieren können. Gerade noch hat die Sonne durch die hohen Fenster der Elisabeth-Kirche geschienen. Doch dann, mitten in der Berliner Rede des Bundespräsidenten, bricht plötzlich das Unwetter los. Es blitzt, es donnert, Schneeböen fegen über den kalten Saalbau hinweg, in dem sich die Gäste fröstelnd in ihre Mäntel hüllen. Und vorne, mitten im größten Sturm, hält Horst Köhler eine Bußpredigt, wie sie die Deutschen noch nicht gehört haben.

Mit scharfen Worten verurteilt das Staatsoberhaupt die Auswüchse der Finanzmärkte, geißelt die Gier, verlangt Demut, Bescheidenheit und Umkehr. Und zwar nicht nur von Bankern und Managern, sondern von jedem einzelnen Bürger. Zentrale Botschaft: Wir müssen uns umstellen. Die Zeiten des ungebremsten Wachstums sind endgültig vorbei. Rund 300 geladene Gäste sind an diesem kalten Märztag in die alte Kirche nach Berlin-Mitte gekommen, um die Grundsatzrede des Staatsoberhauptes zur Finanz- und Wirtschaftskrise zu verfolgen. Der Ort hat Symbolkraft. 1945 bei einem Luftangriff ausgebrannt, war der Schinkelbau in der DDR jahrzehntelang eine Ruine geblieben. Erst 1990 begann der mühsame Wiederaufbau. Zwischen den rohen Backsteinwänden in der erst teilweise renovierten Kirche entfalten Köhlers Worte eine besondere Wirkung. Immer wieder hat der Bundespräsident in den vergangenen Monaten Banker und Manager attackiert und Fehlentwicklungen verurteilt. Doch diesmal geht er weiter. Um die Krise zu überwinden, fordert er ein radikales Umdenken, eine neue globale Solidarität: „Die Menschheit sitzt in einem Boot.“ Den ersten großen Beifall bekommt Köhler, als er Union und SPD davor warnt, die Krise im Wahlkampf als „Kulisse für Schaukämpfe“ zu missbrauchen. Das Krisenmanagement der Bundesregierung lobt er, lässt aber zugleich erkennen, wie genervt er von den jüngsten Scharmützeln in der großen Koalition ist: „Auch im Vorfeld einer Bundestagswahl gibt es aber keine Beurlaubung von der Regierungsverantwortung!“ Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), der neben Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) als einziges Kabinettsmitglied gekommen ist, wird den Saalbau später kommentarlos verlassen. Statt Wachstum verlangt Köhler Nachhaltigkeit, statt Wettbewerb eine neue soziale Verantwortung über alle Grenzen hinweg. Wer den früheren Ökonom je als Neoliberalen betrachtet hat, wird wieder einmal eines Besseren belehrt. Das Staatsoberhaupt plädiert für einen starken Staat, feste Regeln, schließt auch Verstaatlichung von Banken nicht aus. „Wir brauchen Ordnung in der Globalisierung, anerkannte Regeln und effektive Institutionen.“ Köhler weiß, wovon er spricht. Als Chef des Internationalen Währungsfonds ist er im Herbst 2000 selbst daran gescheitert, eine wirksame Prüfung der Finanzmärkte durchzusetzen, wie er zu Beginn seiner Rede freimütig einräumt. Und doch bleiben gerade die Passagen, in denen er die Eckpfeiler einer neuen Weltfinanzordnung beschreibt, seltsam blass. Viele dieser Forderungen sind längst in der Diskussion, manche werden von der Politik bereits vorbereitet. Nächste Woche treten in London die Mächtigen dieser Welt zusammen, um über eine grundlegende Neuordnung des Finanzsystems zu beraten. Am Ende erheben sich die Gäste, klatschen Beifall. Köhler wirkt erschöpft, aber auch erleichtert. Seit November hatte er mit seinen Vertrauten an dieser vierten Berliner Rede gearbeitet, die vorerst seine letzte sein dürfte. Am 23. Mai tritt die Bundesversammlung zusammen, um darüber zu entscheiden, ob Köhler weitere fünf Jahre im Amt bleibt oder von seiner SPD-Herausforderin Gesine Schwan abgelöst wird. Die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung sind knapp, und sie sind noch knapper geworden, seit die CDU in Sachsen durch eine Panne zwei Sitze eingebüßt hat. Nach seinem Auftritt kann Köhler zufrieden sein. Vor den Mikrofonen sind sich parteiübergreifend alle einig: Das war eine gute, eine nachdenkliche Rede, die den Blick in die Zukunft gelenkt hat. Nur einer mag sich da nicht einreihen. „Ich muss nicht sofort Stellung nehmen“, schnappt Steinbrück, als er von Journalisten nach einem Kommentar gefragt wird, und verlässt wortlos die Kirche. Draußen scheint inzwischen wieder die Sonne.

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