Rücktritt aus heiterem Himmel

Kommentar: 265. Pontifex ist Geschichte

Benedikt XVI. zieht völlig überraschend einen Schlussstrich unter sein Pontifikat. Er tritt zurück. Dennoch bleiben wir Papst, da die geniale boulevardeske Schlagzeile anlässlich der Papstwahl vor knapp acht Jahren ihre Berechtigung behält.

Benedikt bleibt de facto Papst, auch wenn er sich als einer der wenigen von bis dato 265 Nachfolgern des Apostels Petrus lebend aus dem Vatikan zurückzieht. Es wird also schon bald zwei Päpste geben. Ob das der Katholischen Kirche aus ihrer Krise helfen kann, das darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Denn wer sollte die Kraft für einen Reformkurs finden, wo der Vatikan doch durchweg strukturkonservativ aufgestellt ist und aus dem Kreis der Kardinäle, die demnächst zur Papst-Wahl stehen, die allermeisten von Benedikts Gnaden im Amt sind?

Da gab sich einer kirchenvolksnah, vielleicht war er es sogar auch

Lesen Sie auch:

Die wichtigsten Antworten zum Papst-Rücktritt

Die Erklärung des Papstes im Wortlauf

„Loddar als Nachfolger“ - Reaktionen im Netz

Hinter dem neu ernannten Pontifex wird also erst einmal der Alt-Papst stehen, mit dessen Regentschaft trotz seiner erzkonservativen Vergangenheit noch als Joseph Ratzinger so viele Hoffnungen verbunden waren. Dass der frühere Hüter der katholischen Glaubenslehre sich als Papst nicht an die Spitze einer Reformbewegung setzen würde, war zu erwarten. Und dennoch weckte der Pontifex aus Deutschland in den ersten Monaten Hoffnungen auf eine vorsichtig neue theologische Gründung dieser seiner Kirche, zumal er mit der Betonung des Bischofs von Rom das Amt des Papstes von dessen Überhöhung herunterholte. Da gab sich einer kirchenvolksnah, vielleicht war er es sogar auch. Doch die Begeisterung für diesen Deutschen auf dem Heiligen Stuhl ließ nach, als sich die Erkenntnis durchsetzte, dass es diesem wichtig war, den Kern des Glaubens in den Mittelpunkt seiner Arbeit zu stellen und sich weniger um die Akzeptanz in der Gesellschaft zu scheren. Benedikt setzte den konservativen Kurs seines polnischen Vorgängers konsequent fort, lehnte Abtreibung, Sterbehilfe und Kondome weiter ab. Mit Lockerungen bei Zölibat und Ökumene hätte dieser Papst für die Katholische Kirche punkten könne. Er aber zog die Zügel eher noch an, sprach den Protestanten gar den Status Kirche ab, begnadigte die reaktionären Piusbrüder mit ihrem Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson an der Spitze. Diese Entscheidung war dem Kirchenvolk ebenso nicht zu vermitteln wie die in ein Zitat verpackte Provokation der islamischen Welt, deren religiösen Wurzeln der Papst eine Nähe zur Gewalt unterstellte.

Pressestimmen zum angekündigten Papst-Rücktritt

Pressestimmen zum angekündigten Papst-Rücktritt

Bei der Bewertung von Benedikts Umgang mit dem Missbrauchsskandal in seiner Kirche scheiden sich freilich die Geister. Für die einen hat er energisch reagiert und zugleich Demut gegenüber den Opfern demonstriert. Für die anderen kam die Bitte um Vergebung nicht aus ganzem Herzen und im Verlauf entpuppte sich für sie die Forderung nach „Null Toleranz“ als Farce. Die Wahrheit liegt vielleicht irgendwo in der Mitte.

Dass die Katholische Kirche unter Benedikt rückwärtsgewandt war, es wird niemand bestreiten können. Dabei wurde zuletzt eine selten zu beobachtende Sturheit offenbar. Kritik wird rasch mal mit der Judenverfolgung gleichgesetzt: Angriffe auf die Katholische Kirche und ihr Oberhaupt im Zuge des Missbrauchsskandals seien vergleichbar mit der „kollektiven Gewalt“ gegen die Juden, heißt es. Auch in Deutschland sehen Vertreter der Katholischen Kirche ihren Glauben immer mehr an den Rand gedrängt. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner spricht von „Katholikenphobie“ in der deutschen Gesellschaft. Es ist keine Phobie. Es ist bröckelnde Akzeptanz. Und dafür gibt es gute Gründe. Auch der Chef der römischen Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, hat sich im Ton vergriffen, wittert er doch gar eine „aufkommende Pogromstimmung“ gegen die Katholische Kirche. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sieht die aggressive Stimmung gegen die Katholische Kirche wenigstens als zum Teil selbstgemacht.

Beckenbauer, Riesch und andere Promis über den Papst

Beckenbauer, Riesch und andere Promis über den Papst

Fest steht: Nach Benedikts Rücktritt wird es weniger Katholiken geben als vor seinem Amtsantritt vor acht Jahren. Auch das gehört zur Bilanz dieses Papstes. Die Zuwächse in Afrika und Asien darf er sich nicht gutschreiben. Dazu war er zu sehr auf Europa fixiert.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare