Sozial-Enzyklika

Kommentar: Mahnung aus Rom

Der Papst? Wer ist das? Wie viele Divisionen hat er?“ So höhnte einst Josef Stalin. Der machtbesessene Diktator und das nach ihm benannte mörderische System flogen bald auf den Müllhaufen der Geschichte, gefolgt vom Kommunismus als solchem. Von Tibor Pézsa

Das Ende dieses ostentativ gottlosen Experiments wurde durch einen Papst mit herbeigeführt: Johannes Paul II., Vorgänger des heutigen Papstes Benedikt XVI. Dieser Benedikt nun schreibt den Mächtigen der Welt ins Stammbuch, wozu sie ihre Macht nutzen sollen: für eine soziale Welt, gerecht, geschwisterlich gar, geprägt von Wahrheit, Liebe.

Wie viele Divisionen hat er, der Papst? Christen, katholische wie evangelische, werden diese Frage kaum nachvollziehen können. Für sie ist es einfach wohltuend, in der klaren, durchdachten Sprache Benedikts zu lesen, dass Nächstenliebe und Verantwortung für die Schöpfung schwerer wiegen als persönlicher Gewinn. Dass eine Gesellschaft nicht funktionieren kann, wenn sich alle nur an Rechte und Pflichten halten.

Werte wie Barmherzigkeit, Unentgeltlichkeit, Respekt vor der Würde des Menschen müssen hinzukommen. Auch das Bewusstsein, dass „Kaufen nicht nur ein wirtschaftlicher Akt, sondern immer auch ein moralischer Akt ist“. Gläubige Christen werden bei Benedikt zustimmend lesen, dass eine Wirtschaft ohne Ethik nur zu Katastrophen führen kann. Und dass echte Entwicklung nie nur Menschenwerk, sondern letztlich immer auch Geschenk Gottes ist.

Nicht-Christen wie Christen werden in der Enzyklika konkrete Vorschläge politischer oder wirtschaftlicher Art vermissen. Benedikt schürft tiefer: Er sieht jeden einzelnen Menschen in der Lage und in der Pflicht, von seiner geschenkten Freiheit vernünftigen Gebrauch zu machen. So ist es kein Wunder, dass Stalin mitsamt seinem Hohn im Orkus verschwand, während der Papst mit seinen Worten brennend aktuell ist.

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