„Manche machen sich einen Sport daraus“

Offenbach ‐ Sie sind der Schrecken eines jeden Vermieters: Mietnomaden, die von Anfang an die Absicht haben, für die Mietsache nichts zu bezahlen. Von Ralf Enders

Beim Besichtigungstermin geben sie sich noch seriös und solvent - doch ihr einziges Ziel ist es zu betrügen. Und hat sich ein Mietnomade erst einmal häuslich eingerichtet, braucht der Vermieter starke Nerven. Und Geld: für Mietausfall, Reparaturen, Instandsetzung, Anwalt, Gericht und Zwangsvollstreckung. Die Gesetzeslage und eine langsam arbeitende Justiz erlauben es Mietnomaden, jahrelang in der Wohnung zu bleiben. Wird‘s dann irgendwann eng, geht‘s einfach weiter zur nächsten kostenlosen Wohnung. Die alte Bleibe hinterlassen sie oft noch in einem verwahrlostem Zustand.

„Schutz der Vermieter stark vernachlässigt.“

Die neue Bundesregierung aus Union und FDP hat sich in ihrem Koalitionsvertrag nun darauf geeinigt, schärfer gegen die Betrüger vorzugehen. Räumungsurteile sollen schneller vollstreckt werden. Die FDP dringt auf die rasche Umsetzung der Reform.

Ein Ansinnen, das bei Immobilienbesitzern auf Zustimmung stößt. „Der Schutz der Vermieter ist seitens der Politik bisher stark vernachlässigt worden“, meint Johannes Engel vom Immobilienverband Deutschland (IVD), Region Mitte. Sein Verband habe bereits 2006 auf das Problem hingewiesen, sei aber anfangs belächelt worden. Vier Jahre und etliche TV-Beiträge später nehme sich die Politik der Mietnomaden an. Der Frankfurter Rechtsanwalt hat dabei auch den Selbstschutz der Vermieter im Auge: „Geht der Mieter nicht freiwillig, so hat der Vermieter auch noch die Verpflichtung, auf eigene Kosten die Möbel des Mieters einzulagern. Deshalb greift mittlerweile schon jedes zehnte Opfer zur Selbstjustiz, indem es die Wohnung ohne Gerichtsbeschluss räumt, Schlösser austauscht und Strom, Gas und Wasser abstellen lässt.“ Auch deshalb sei die Gesetzesreform überfällig, „damit Vermieter nicht in die Illegalität getrieben werden, indem sie Selbstjustiz üben“.

Zwei Milliarden Euro Mietausfall

Die jährlichen Mietausfälle in Deutschland betragen nach Angaben der Eigentümer-Schutzgemeinschaft Haus & Grund mehr als zwei Milliarden Euro. Wie viel davon auf das Konto von Mietnomaden geht, ist unklar. Experten rechnen mit einer hohen Dunkelziffer, weil viele Vermieter ihren Zwist für sich behalten. Dennoch sind Mietnomaden kein Massenphänomen, sondern besonders ärgerliche Einzelfälle. Mietausfälle sind viel häufiger in Zahlungsunfähigkeit zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit oder Scheidung begründet.

Günther Belz, Vorsitzender von Haus & Grund Hessen, weist darauf hin, dass Mietnomaden in der Regel keine Menschen seien, denen die Obdachlosigkeit drohe. „Die haben durchaus einen bürgerlichen Rahmen“, sagt er. Seiner Ansicht nach bräuchte es eigentlich keine neuen Gesetze, würden die bestehenden konsequent angewandt. „Aber so machen sich manche eben einen Sport daraus, weil sie wissen, dass ihnen von Staatsseite aus kaum Gefahr droht.“ Auch deshalb sei es gut, wenn die Politik nun den Druck erhöhe.

Mietnomaden eher auf dem Land ein Problem

Belz - er ist auch Vorsitzender des Ortsvereins Langen von Haus & Grund - verweist zudem auf ein Stadt-Land-Gefälle: „Mietnomaden und Vandalismus gibt‘s eher auf dem flachen Land“, sagt er, „in den Städten ist das Problem unter Kontrolle“. Weil die Mietnomaden sich bevorzugt Lagen aussuchen, die nicht gut gehen und die Vermieter dort froh sind, überhaupt einen scheinbar eloquenten Mieter gefunden zu haben. Vielleicht auch, weil es auf dem Land mehr Vermietungen von privat und nicht durch Wohnungsgesellschaften gibt. Denn die eigene Menschenkenntnis allein ist kein ausreichender Ratgeber bei der Entscheidung, wer die Wohnung bekommen soll.

Weitere Informationen sind auf der Internetseite von „Haus und Grund“ zu finden.

Belz rät Vermietern, sich den Haus & Grund-Ortsvereinen anzuschließen. Aus den eigenen Reihen gebe es wegen der guten Vorsorge kaum Klagen über Mietnomaden. 3 000 Mitglieder sind es in Offenbach. Die Beiträge bestimmen die Ortsvereine. Sie liegen zum Beispiel in Dreieich bei 40,90 Euro jährlich, in Langen bei 45 Euro und in Offenbach zwischen 52 und dem dreistelligen Euro-Bereich. Dafür gibt‘s vielfältige Hilfe, von der Beratung bis zum Ausfüllen von Mietverträgen unter Beachtung des neuesten Standes der Rechtsprechung. Und Schutz vor Mietnomaden: In Kooperation mit Wirtschaftsauskunfteien werfen die Vereine einen Blick ins automatisierte Schuldnerverzeichnis. Denn, da zitiert der Vorsitzende des Eigentümer-Verbandes durchaus gerne den Kommunisten Lenin, dem dieses Zitat zugeschrieben wird: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

Rubriklistenbild: © Sammy / Pixelio

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