Ikea im Gelobten Land:

Sind die Köttbullar nicht ganz koscher?

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Orthodoxe jüdische Medien warnten ihre Leserschaft vor dem Verzehr von Speisen bei Ikea.

Netanja - Ikeas Lebensmittel müssen in den israelischen Filialen den strengen Speisevorschriften entsprechen. Ein Tribut an die vielen religiösen Kunden. Nun gibt es aber ein Problem mit dem Oberrabbinat.

Beim Thema Bürostuhl, Schlafsofa oder Bettbezug kommen viele Israelis auf den selben Geschmack. Egal ob säkularer oder ultraorthodoxer Jude, ob russischer Einwanderer oder Palästinenser, der Ikea-Stil hat auch das Land im Nahen Osten erobert. Zwar sind die Produkte im Gelobten Land oft deutlich teurer als ihre Entsprechungen in Deutschland, doch der Kundenstrom hält an. 2011 sorgten mehr als drei Millionen Käufer für einen Umsatz von über 110 Millionen Euro in den zwei Filialen in Israel. Eine dritte ist im Bau. Jetzt aber hat der schwedische Einrichtungskonzern ein Problem mit den staatlichen Religionshütern des Landes.

Vor einigen Wochen vermeldete Israels Oberrabbinat, dass in der Ikea-Filiale in Netanja die Aufsicht über die jüdischen Speisevorschriften, die Kaschrut, nicht gewährleistet sei. Orthodoxe jüdische Medien griffen die Meldung auf und warnten ihre Leserschaft vor dem Verzehr von Speisen bei Ikea. Bei etwa 60 Prozent jüdischer Bevölkerung, die die Kaschrut einhalten, könnte sich das imageschädigend auswirken.

Doch die religiöse Klientel scheint die Nachricht derweil nicht sonderlich abzuschrecken. „Ich habe vor einigen Monaten gelesen, dass das Essen bei Ikea koscher ist“, erzählt ein orthodoxer Kunde, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen möchte. Er isst mit seiner Frau und den drei Kindern nach dem Einkauf noch im Restaurant der Ikea-Filiale im zentralisraelischen Netanja: „Es gab viele Veränderungen in den letzten Jahren. Man kann ihnen vertrauen“.

In der Tat hat der schwedische Multi viel getan, um der wachsenden jüdisch-religiösen Kundschaft Rechnung zu tragen. In der 2001 eröffneten Filiale in Netanja gibt es mittlerweile sogar zwei getrennte Restaurants: eins für milchige, eins für fleischhaltige Speisen.

„Ich bin seit siebeneinhalb Jahren bei Ikea. In dieser Zeit war die Kaschrut immer gewährleistet“, sagt Gavriel Weinberger. Der orthodoxe Jude ist Maschgiach, Kaschrut-Aufseher, in der Ikea-Filiale in Netanja. Die Speisen in Ikeas Restaurants, wie die berühmten Köttbullar, die schwedischen Fleischbällchen, würden ausnahmslos koscher in Israel gefertigt. Produkte aus Schweden stünden dort unter Aufsicht. Laut Weinberger verteuere die Kaschrut die Preise der Lebensmittel zwar, sie seien aber immer noch verhältnismäßig preiswert.

Weinberger deutet auf das Zertifikat, das oberhalb der Essenausgabe des Restaurants für fleischhaltige Speisen hängt. Es ist ausgestellt vom „Badatz Bejt Josef“, einem Rabbinergericht unter der Leitung des 91-jährigen Ovadja Josef, dem Führer der ultraorthodoxen Schass-Partei.

Allein in Israel gibt es mehrere Dutzend Rabbiner und Rabbinergerichte, die, privatwirtschaftlich firmierend, Kaschrut-Zertifikate ausstellen. Restaurants und Lebensmittelhersteller dürfen ihre Produkte aber nur dann als koscher ausweisen, wenn sie zusätzlich über eine Bestätigung des israelischen Oberrabbinats, einer staatlichen Einrichtung, verfügen.

Ikeas Filiale in Netanja musste 2011 in Folge eines Brandes umfassend saniert werden. Im März dieses Jahres wurde sie wiedereröffnet. Laut Gilbert Cohen, dem städtischen Rabbiner von Netanja, hat es die Firma seitdem versäumt, das vorgeschriebene Kaschrut-Dokument beim Oberrabbinat zu beantragen.

Die israelische Leitung Ikeas wollte sich auf Anfrage nicht zu den Hintergründen äußern und verweist auf die bestehenden Kaschrut-Zertifikate. Beobachter vermuten in dem Fall Ikeas einen Machtkampf um den Einfluss des staatlichen Rabbinats. Viele Kunden bemerken das Gerangel um die Koscher-Papiere jedoch gar nicht: Ein Bücherregal braucht schließlich kein Kaschrut-Zertifikat.

dpa

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