Wie Vorhersagen aus Horoskopen

Offenbach ‐ Schon vor Jahrzehnten hat Professor Jürgen Kleinschmidt an der Universität München begonnen, die Wirkung des Wetters zu erforschen.

So wurden in einer sogenannten Klimakammer Patienten und Probanden mit exakt nachgebildeten Wettersituationen konfrontiert. Mit dem Physiker und Mediziner sprach unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey:

Halten Sie Prognosen der Wetterdienste zum Thema Biowetter für glaubwürdig?

Ja, solange es sich um eher einfache Prognosen handelt, wonach man etwa bei warmen Wetter vermehrt schwitzt als Zeichen einer funktionierenden Anpassung - oder dass man bei kaltem Wetter durch entsprechende Kleidung vorsorgen soll, sich keine Erkältungskrankheiten zuzuziehen.

Die Beweislage ist offenbar dürftig - oder gibt es Zusammenhänge, die als gesichert gelten?

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Biowetter? So ein Unfug.

Eine experimentelle Beweisführungslage, wonach durch gezielte Klimakammereinstellungen nachweisbare Beschwerden verursacht werden, ist natürlich schon gegeben - zum Beispiel wie „ich friere“ oder „ich schwitze“, dann auch mit den normalen physiologischen Begleiterscheinungen wie Mattigkeit oder Hustenreiz. Ansonsten gibt es aber nur zahlreiche Beobachtungsstudien, dabei auch noch mit unterschiedlichen Ergebnissen. Solche Untersuchungen können allerdings nur den Anlass zu nachfolgenden experimentellen Bestätigungsstudien geben.

Heißt das, die Beweislage ist fragwürdig?

Ja! Beispiele verdeutlichen es: Solange es 1850 noch keinen Strom aus Kernenergie gab, war die Lebenserwartung deutlich kürzer als seit 1950 beobachtet. Ist das nun eine Beweislage für die Folgerung „durch Kernenergie wird die Lebenserwartung länger“? Oder ein anderes ähnlich sensibles Thema: Beobachtungsstudien zeigen: Wer viel geraucht hat, bekommt eher Lungenkrebs als jemand, der wenig geraucht hatte. Heißt das dann auch umgekehrt: Starke Raucher, die mit dem Rauchen aufgehört haben, bekommen danach weniger Lungenkrebs als starke Raucher, die weiterhin stark rauchen?

Was bedeutet dies für Studien zu Wetterwirkungen?

Es ist ähnlich. Da gibt es immer wieder - aber auch unterschiedliche - Hinweise auf vermehrte Beschwerden bei dieser oder jener Wetterlage. Dazu haben schon etliche unserer Doktoranden solche Hypothesen aufgegriffen, so dass wir ziemlich gut die Relevanz der Beschwerden beurteilen können und zum Ratschlag kommen: Einfach dokumentieren, wie viele Personen morgen über diese oder jene Wetterbeschwerden klagen werden - und das dann nicht nur morgen, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg überprüfen! Dann wird man halt zunehmend skeptischer.

Für wen ist der Service der Wetterdienste hilfreich?

Biowettervorhersagen haben auch nur eine ähnliche Auswirkung wie die Vorhersagen aus Horoskopen: Wer sich davon eine Leitlinie für den nächsten Tag verspricht, dem kann geholfen werden! Falls dann die Vorhersage doch nicht zutrifft, entsteht daraus auch kaum ein Schaden - außer, es würde jemand deswegen im Vorhinein eine Krankschreibung oder ähnliches verlangen wollen oder diese gar erhalten. Es gibt ja hinreichend viele Gegenmaßnahmen, die man wirkungsvoll gegenüber den einfach erklärbaren Wettereinflüssen in Gang setzen kann. Darum: Wo kein Schaden entsteht, wird bestenfalls etwas Positives bewirkt - und zwar bei denen, die daran glauben wollen. Ihnen kann mit solchen Vorhersagen dann auch geholfen werden.

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