Experte warnt / Wann schwerere Krankheitsverläufe zu befürchten sind

2. Welle gefährlicher

Im Sicherheitslabor arbeiten Mitarbeiter des Pharmakonzernes GlaxoSmithKline in Dresden am neuen Serum. Mehrere Monate sind erforderlich, bis ein neue Impfstoff entwickelt, zugelassen und in ausreichenden Mengen produziert wird.

Mehrere hundert Deutsche sind bereits infiziert, täglich kommen weitere dazu. Das ist für viele Fachleute in der Bundesrepublik eine deutliche Warnung: Die Schweinegrippe ist nun wirklich nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, denn es könnte sich diesmal um besonders gefährliche Grippeviren handeln.

Ein milder Krankheitsverlauf ist in Deutschland bisher zwar an der Tagesordnung. „Aber das darf kein Ruhekissen sein“, sagen Experten.

Auffallend ist die große Verunsicherung bei vielen Bundesbürgern. Das beginnt beim Begriff. Normalerweise werden Grippeepidemien nach ihrem Ausgangsland benannt („Hongkong-Grippe“, „spanische Grippe“). Das H1N1-Virus verbreitete sich von Mexiko aus, doch die Mexikaner brachten das Wort „Schweinegrippe“ in Umlauf. Die Weltgesundheitsorganisation WHO entschied sich für den Namen des Erregers: „Pandemic H1N1 09 Virus“.

Verwirrung herrscht zudem über das Serum. So berichten Mediziner im Rhein-Main-Gebiet von zahlreichen verängstigten Patienten, die sich gegen das Grippevirus impfen lassen wollen. Eine Impfung gegen die neue Grippe wird aber nach Auskunft von Forschern voraussichtlich erst im Herbst zur Verfügung stehen; noch wird von den Pharmafirmen unter Hochdruck daran gearbeitet.

Was sollte jetzt beachtet werden? Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey sprach mit Dr. med. Harald Herholz von der Kassenärztlichen-Vereinigung-Hessen.

Angesichts der rasanten Ausbreitung der Schweingrippe - also des Grippevirus' H1N1- empfehlen Ärzte Urlaubern je nach Reiseziel zu vorsorglichen Impfungen etwa gegen Hepatitis A oder Masern. Denn eine gleichzeitige Ansteckung mit H1N1 und einer anderen Infektionskrankheit erhöht offenbar drastisch das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Welchen Patienten raten Sie denn grundsätzlich zu einer Impfung?

Impfen lassen sollten sich zunächst Patienten mit chronischen Krankheiten der Atmungsorgane, chronischen Herz-Kreislauf-, Leber- und Nierenkrankheiten, Diabetes und anderen Stoffwechselkrankheiten, schwerer Fettleibigkeit, Multipler Sklerose mit durch Infektionen ausgelösten Schüben, angeborenen oder erworbenen Immundefekten und HIV-Infektion sowie Schwangere.

Gibt es auch Berufsgruppen, denen Sie einen Schutz vor H1N1 empfehlen?

Im Impf-Appell von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt werden die Beschäftigten in Krankenhäusern, Praxen, Pflege- und Reha-Einrichtungen, Krankentransportunternehmen und Gesundheitsämtern angesprochen, ebenso Polizisten und Feuerwehrleute. Dabei fällt das Desinteresse bei bestimmten Berufsgruppen auf. So zeigen Zahlen aus früheren Jahren, dass an der Frankfurter Universitätsklinik nur knapp 40 Prozent der Ärzte sich gegen Influenza geschützt hatten, bei den Pflegekräften lag der Anteil noch niedriger. Das ist bedenklich. Vor allem Beschäftige im Gesundheitswesen sollten sich vor dem neuen Virus schützen - und sich dann im Herbst, wenn ein neues Serum vorliegt, impfen lassen.

Bezahlen die Krankenkassen die Impfung?

Ja, die Krankenkassen werden verpflichtet, die Kosten für die Impfung zu übernehmen.

Sie sagen: Die echte Herausforderung durch die Schweinegrippe kommt erst im Herbst. Warum?

Gefährlich könnte die zweite Infektionswelle werden. Der Virus hat sich dann erneut verändert. Die Erfahrung aus früheren Seuchenzügen zeigt: Dadurch wird das Virus oft gefährlicher. Zudem ist fraglich, in welchem Ausmaß der jetzt entwickelte Impfstoff dann noch hilft und ob in kurzer Zeit eine neuer Impfstoff entwickelt werden muss.

Halten Sie die große Aufregung, angesichts immer neuer Krankenzahlen, für übertrieben - handelt es sich tatsächlich nur um ein „normales Grippevirus“?

Der klinische Verlauf ist nach wie vor milde und die Sterblichkeit geringer als anfänglich befürchtet. Sie liegt konstant ca. 0,4 bis 0,5 Prozent und damit unterhalb des Wertes anderer vergleichbarer jährlicher Grippewellen. Nach derzeitigem Kenntnisstand konzentrieren sich die Todesfälle auf Kleinkinder und Erwachsene mit vorbestehenden Risiken. Jedoch ist das Virus hoch ansteckend, weshalb zunehmend das Augenmerk auf die Infizierung von Personen innerhalb Deutschlands gerichtet sein sollte. Etwa 55 Prozent der in der Bundesrepublik registrierten Fälle haben sich inzwischen im Inland infiziert . Sollte sich dieses hochansteckende Virus verändern und im Herbst bzw. Winter zu einer weiteren Infektionswelle führen, so sind schwerere Krankheitsverläufe zu befürchten. Darin liegt die eigentliche Gefahr. Momentan ist das aber nur ein mögliches Szenario, keine Realität.

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