Hunger durch Überfluss

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Hungernde gibt es nicht nur in Entwicklungsländern. Bei den Lebensmittel-Tafeln wird auch die Not in Deutschland sichtbar.

Offenbach ‐ Hunger in Deutschland? Das ist ein Thema, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Eigentlich. Bedenklich ist, die Zahl der in Armut lebenden Menschen hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Von Peter Schulte-Holtey

Gerade ältere Menschen schämen sich und verstecken ihre Armut. „Und was ist mit jenen, die gar keine behördliche Unterstützung bekommen, weil sie die Antragsflut nicht bewältigen oder illegal im Land leben? Ihre Anzahl ist mit Sicherheit gestiegen“, meinen Experten. Samstag, am Welternährungstag, werden auch die sogenannten Tafeln die Not in Deutschland wieder zu spüren bekommen. Die Schlangen in den Suppenküchen der Wohlfahrtsverbände werden länger.

Gerd Häuser, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel, erklärte im Interview mit unserer Zeitung: „In Deutschland gibt es Lebensmittel im Überfluss, trotzdem herrscht bei vielen Menschen Mangel. Die Tafeln bemühen sich hier um einen Ausgleich.

Tonnen Lebensmittel landen im Müll

Tafel-Helferinnen und -Helfer sammeln qualitativ einwandfreie Lebensmittel ein, die im Handel, der Gastronomie und bei Herstellern nicht mehr benötigt werden, und geben diese an Menschen weiter, denen nur sehr wenig Geld für Essen zur Verfügung steht.“ 50 000 Ehrenamtliche engagieren sich bei den bundesweit mehr als 870 Tafeln. Sie geben gespendete Lebensmittel an über eine Million Menschen weiter: Darunter sind „Hartz-IV“-Empfänger, Geringverdiener, Senioren mit schmaler Rente sowie Alleinerziehende und Familien mit geringem Einkommen.

Häuser sieht neben dem sozialen Aspekt auch den ökologischen Gedanken: „Viele Tonnen Lebensmittel landen regelmäßig im Müll, obwohl sie qualitativ noch einwandfrei sind und voll verzehrfähig. Ökologische Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung sind wichtige Aspekte der Tafel-Idee: Lebensmittel, die qualitativ noch einwandfrei sind, dürfen kein Wegwerfprodukt sein.“ Die Tatsache, dass unsere Gesellschaft tadellose Lebensmittel vernichtet, anstatt diese Bedürftigen zugänglich zu machen, fanden die Gründer der Tafel-Bewegung und ihre zahlreichen Nachahmer unerträglich.

Mangelernährung ist vermeid- und behandelbar

Hunger ist also ein Phänomen, das mittlerweile längst über die Entwicklungsländer hinausreicht, auch wenn das Ausmaß dort wesentlich größter ist. Weltweit haben mehr als eine Milliarde Menschen zu wenig zu essen. Zum Welternährungstag prangert die deutsche Hilfsorganisation Welthungerhilfe die weltweite Vergeudung und schlechte Nutzung von Nahrungsmitteln an. In reichen Ländern wie Deutschland landen jährlich 20 Millionen Tonnen Nahrungsmittel auf dem Müll. In den Entwicklungsländern hingegen verderben bis zur Hälfte aller Lebensmittel auf dem Weg vom Acker bis zum Teller – durch schlechte Lagerhaltung, mangelnde Transportwege und fehlende Vermarktungsmöglichkeiten.

„Mangelernährung ist vermeid- und behandelbar und betrifft dennoch 195 Millionen Kinder weltweit; sie ist die eigentliche Ursache für mindestens ein Drittel der jährlich acht Millionen Todesfälle von Kindern unter fünf Jahren“, kritisiert die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“. Mangelernährung sei nicht nur die Folge von zu wenig Nahrung - in den ersten beiden Lebensjahren brauchten Kinder hochwertiges Eiweiß, essentielle Fettsäuren, Kohlenhydrate, Vitamine und Mineralien, um Wachstums- und Entwicklungsstörungen zu vermeiden und das Risiko, an Krankheiten zu sterben, zu reduzieren.

An billige Lebensmittel im Überfluss gewöhnt

„Die gängige Nahrungsmittelhilfe beinhaltet diese wesentlichen Bestandteile aber größtenteils nicht“, so ein Sprecher der Organisation. „Die meisten Ernährungsprogramme für Kinder in Entwicklungsländern, die von der internationalen Nahrungsmittelhilfe unterstützt werden, setzen fast ausschließlich auf angereichertes Getreide-Mischmehl, wie Mais-Soja-Gemische; diese entsprechen aber nicht dem internationalen Standard für den Ernährungsbedarf von Kindern unter zwei Jahren“, fügt er hinzu.

„Es ist ein Skandal, dass knapp eine Milliarde Menschen hungern, obwohl genug Lebensmittel produziert werden,“ erklärt Wolfgang Jamann von der Welthungerhilfe. „Es ist höchste Zeit für uns, Lebensmittel wieder als Wert schätzen zu lernen und mit allem, was unser Essen betrifft, bewusster umzugehen.“ Im Süden muss nicht nur die Produktivität sondern auch die effiziente Nutzung und Verwertung von Nahrungsmitteln gefördert werden. Zuerst sollte die eigene Bevölkerung satt werden, erst dann kann man an Export oder industrielle Verwertung denken.

Grund für die Verschwendung im Norden sind zum Beispiel strenge EU-Normen: wenn etwa eine Kartoffel nicht die exakte Größe hat, wird sie einfach weggeworfen. Auch in den privaten Haushalten wird bis zu 15 Prozent weggeworfen. „Wir haben uns an billige Lebensmittel im Überfluss gewöhnt. Angesichts der weiter wachsenden Weltbevölkerung können wir den verantwortungslosen Umgang mit Lebensmitteln aber nicht weiter tolerieren“, so Jamann.

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