Woran man Depression erkennen kann

Professor Dr. Ansgar Klimke

Offenbach ‐ Erste Anzeichen sollten ernst genommen werden: „Eine schwere Depression ist nicht nur eine vorübergehende Zäsur. Sie muss diagnostisch abgeklärt und sorgfältig behandelt werden“, sagt Professor Dr. Ansgar Klimke. Mit dem Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Offenbach sprach unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey.

Wie erkennt man eine Depression?

Seelische Probleme sind die eine Seite dieser Störung. Leitsymptome sind plötzlich auftretender Interessensverlust und grundloser Antriebsmangel. Viele Betroffenen leiden aber auch unter scheinbar körperlich bedingten Beschwerden wie Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit mit mehreren Kilogramm Gewichtsverlust. Weitere unspezfische Symptome bei Depressionen können Kopf- und Rückenschmerzen und andere Magen-Darm-Probleme sein. Selbst ein als bedrohlich empfundenes drückendes Gefühl hinter dem Brustbein, bei dem natürlich vorher körperliche Erkrankungen ausgeschlossen werden müssen, kann bei Depressionen auftreten und bei den Betroffenen Ängste auslösen. Eine schwere Depression ist nicht nur eine vorübergehende Zäsur im Leben. Sie muss diagnostisch abgeklärt und sorgfältig behandelt werden.

Ist die Therapie mit Medikamenten in jedem Fall erfolgreich?

Bei zwei Drittel der Patienten führt sie zu einem unmittelbaren Erfolg. Pharmaka wirken in der Regel schneller, Psychotherapie aber nachhaltiger, insbesondere wenn die Gründe für die Depression in der Lebensgeschichte oder der aktuellen Belastungssituation liegen. In wissenschaftlichen Studien zeigt die Kombination von Antidepressiva mit Psychotherapie meist den besten Erfolg.

Wie kommt es zur Depression? Welche Personengruppen sind besonders betroffen?

Bislang kann man den Zusammenhang zwischen neurobiologischen Funktionsstörungen und den klinischen Krankheitssymptomen nicht vollständig erklären. An einer Depression sind offenbar die emotionsverarbeitenden Nervenzellen im Gehirn beteiligt. Wir nehmen in der Wissenschaft auch an, dass hormonale Faktoren mit ein Grund sind, warum Frauen häufiger an Depressionen erkranken. Beispielsweise tritt die Wochenbett-Depression typischerweise zu einem Zeitpunkt auf, wenn der Spiegel der weiblichen Geschlechtshormone abrupt absinkt. Depressionen gehören auch zu der großen Gruppe von Krankheiten, die durch die enorm zugenommene Arbeitsbelastungen in unserer Gesellschaft ausgelöst werden können. Ich denke hier an die Entlastungsdepression. Sie bricht gerade dann aus, wenn der besonders große Arbeitsdruck bzw. Dauerstress, an den sich das Gehirn schon fast gewöhnt hatte, plötzlich vorbei ist, zum Beispiel in den ersten Urlaubstagen. Von Depressionen offenbar überdurchschnittlich betroffen sind auch sensible und künstlerisch begabte Menschen. Berühmte Beispiele gibt es jede Menge, zum Beispiel Robert Schumann und Martin Luther.

Spielt auch die genetische Veranlagung eine Rolle?

Anhand von Familien-Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, erhöht ist, wenn Eltern oder Geschwister ebenfalls betroffen sind. Bei Veranlagung für die manisch-depressive Erkrankung wird vermutet, dass die Häufung bestimmter Anlagen, die für sich genommen keine Erkrankung auslösen würden, im Einzelfall den Ausbruch der Krankheit erklärt.

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