Abwärtstrend - Börsianer hoffen auf Erholung

Frankfurt - Wer ist schuld am Kursrutsch? Sind es Spekulanten ohne Skrupel? Der Computerhandel, den Brüssel eindämmen will? Oder eine Politik, der die Märkte nicht vertrauen? Eine schnelle Trendwende an den Börsen erwarten jedenfalls nur wenige.

Der Abwärtstrend an den europäischen Aktienmärkten will nicht enden: Der Dax rutschte zum Wochenstart auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren ab. Sein europäisches Pendant EuroStoxx 50 schloss sogar so niedrig wie seit April 2009 nicht mehr. Seit dem Beginn des Absturzes Ende Juli haben die beiden Leitindizes damit 29 Prozent beziehungsweise 24 Prozent an Wert verloren.

Die üblichen Indikatoren lassen für die weitere Entwicklung nichts Gutes erwarten. Die Sicherheitswährung Gold ist abermals auf ein Rekordhoch geklettert und wurde zuletzt nur wenig durch die Intervention der Schweizer Nationalbank (SNB) am Devisenmarkt gebremst, die den Euro-Franken-Kurs über dem Mindestkurs von 1,20 Franken halten will.

Dazu steigen die Bankeneinlagen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) weiter, weil sich die Institute untereinander nicht vertrauen. Auch das Volatilitätsbarometer VDax, das die vom Terminmarkt erwartete Schwankungsbreite des deutschen Leitindex ausdrückt, ist im Höhenflug. Zudem gilt der September ohnehin als traditionell schwacher Börsenmonat.

Aktienanalyst Christoph Schmidt von der N.M.F. AG hält zwar eine zwischenzeitliche “Bärenmarktrally“ für möglich - also eine kräftige Zwischenerholung in einem insgesamt schwachen Umfeld. So starke Einbußen innerhalb so kurzer Zeit wie zuletzt seien aber kein gutes Zeichen. Sie könnten signalisieren, dass die mehr als zweijährige Hausse ab März 2009 nur auf billigem Geld beruht habe und durch die lockere Zinspolitik der US-Notenbank aufgeblasen worden sei. “Die laufende Marktbereinigung kann deshalb durchaus länger dauern“, befürchtet der Experte.

“Wäre die Verfassung der Eurozone stabil, würden sich die Spekulanten die Zähne ausbeißen“, meint Marktanalyst Robert Halver von der Baader Bank. “Aber wenn die Politik weiter so untätig bleibt und keine Richtung vorgibt, spielt sie mit der Existenz der Eurozone als Ganzes.“ Ein großes Problem sieht der Experte in den “Dauerbaustellen“ Griechenland und Portugal, wo trotz einer Anschubfinanzierung keine Fortschritte erkennbar seien und über deren Verbleib in der Eurozone nachgedacht werden müsse.

Eine weitere Unterstützung der Griechen, obwohl sie erklärtermaßen ihre Einsparziele nicht schafften, vergleicht Halver mit der “Versetzung eines Schülers, der nur Sechsen schreibt“. Dadurch gerate die gesamte EU in eine Glaubwürdigkeitskrise. Es müsse eine “elegante Möglichkeit“ gefunden werden, dass Griechenland die Eurozone verlasse, fordert er.

Halver räumt ein, dies sei zwar ein “extrem schwieriges Unterfangen“, da die europäischen Verträge einen solchen Fall nicht vorsähen. “Ansonsten riskieren wir aber, dass aus der Wiege der europäischen Kultur ihr Sargnagel wird und uns die ganze Währungsunion um die Ohren fliegt.“ An weitere Stützungsmaßnahmen seitens der Europäischen Zentralbank (EZB) an der Zinsfront glaubt Halver nicht: “(EZB-Präsident Jean-Claude) Trichet wird sich nicht als Anti-Stabilitätspolitiker aus seinem Amt verabschieden wollen.“

Pläne der EU-Kommission, den automatisierten Computerhandel stärker zu regulieren, der von manchen Beobachtern als ein Hauptgrund für dramatische Kursausschläge gesehen wird, hören sich für Halver zwar theoretisch gut an. “Aber wenn nicht alle mitmachen, ist das schwierig umzusetzen, weil die Anleger dann auf andere Börsenplätze ausweichen.“ So dürften sich die Briten wegen ihrer starken Abhängigkeit vom Finanzsektor kaum in entsprechende Maßnahmen einbinden lassen.

Auch dass bisher nur drei EU-Länder ein Leerverkaufsverbot verhängt hätten, zeige die Schwierigkeit eines koordinierten Vorgehens schon auf europäischer Ebene. Bei Leerverkäufen (short-selling) setzen Spekulanten auf schwächelnde Kurse einer Aktie, die sie gegen eine Gebühr lediglich leihen und dann weiterverkaufen.

Analyst Schmidt bezweifelt sogar den Sinn solcher Maßnahmen an sich: “Mit dem Verbot von Leerverkäufen und einer Finanztransaktionssteuer schüttet die Politik die strukturellen Probleme nur zu, anstatt sie anzugehen.“ Und in Phasen der Unsicherheit reagierten die Anleger nun mal mit Verkäufen. Der Computerhandel beschleunige zwar diese Entwicklung. “Aber es sind immer noch Menschen, die die Computer programmieren.“

dpa

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