Chefvolkswirt der Deutschen Vermögensberatung:

„Altersvorsorge ist in Gefahr“

Wegen der niedrigen Zinsen gerät nach Ansicht der Deutschen Vermögensberatung die private Altersvorsorge der Deutschen in Gefahr.

Ihr Chefvolkswirt Ralf-Joachim Götz spricht im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn auch über die Zukunft der Lebensversicherung, die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) und über Griechenland.

Wie hat sich das Geschäft der Deutschen Vermögensberatung in Offenbach und Deutschland entwickelt?

Insgesamt hatten wir in 2014 eines der besten Geschäftsjahre in der Unternehmensgeschichte. Etwa 1,2 Milliarden Euro Umsatz wurde erwirtschaftet. Das ist eine Steigerung von mehr als fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr - trotz schwieriger Rahmenbedingungen, die durch niedrige Zinsen, mehr Regulierung und Digitalisierung geprägt sind. Dabei hilft uns die Digitalisierung auch, zumal der persönliche Beratungsbedarf immer größer wird. Im Einzugsbereich der Offenbach-Post haben wir rund 140.000 Kunden, die von etwa 400 hauptberuflichen Vermögensberatern betreut werden. In Stadt und Kreis Offenbach sind insbesondere Baufinanzierungen und Investmentfondssparpläne, aber auch Lebensversicherungen gefragt. Das Geschäft in Offenbach verlief ähnlich wie auf Bundesebene.

Wer ist die Deutsche Vermögensberatung?

Sie ist Deutschlands größte eigenständige Allfinanzberatung mit Sitz in Frankfurt. Wir haben rund 14.000 hauptberufliche Vermögensberater und etwa sechs Millionen Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie werden zu den Themen finanzielle Vorsorge und Absicherungen wie zum Vermögensaufbau beraten. Das Angebot richtet sich an breite Kreise der Bevölkerung. Es geht beispielsweise darum, jungen Familien mit staatlicher Förderung, etwa mit vermögenswirksamen Leistungen oder Riesterrente, den Aufbau eines Vermögens zu ermöglichen.

Immer wieder wird die Honorarberatung als Alternative zum Vertriebsmodell mit Provisionen gelobt. Wie stehen Sie zu diesem Schritt?

Das Provisionsmodell hat sich in Deutschland seit vielen Jahrzehnten bestens bewährt. So gibt es hierzulande weniger als 300 Honorarberater, aber über 200.000 Vermittler, die auf Provisionsbasis arbeiten. Wichtig ist, dass der mündige Bürger die Wahlfreiheit behält und selbst entscheidet, von wem er sich beraten lassen will.

Wo ist der Unterschied?

Der Honorarberater nimmt ein festes Honorar. Der Vermittler verdient gegebenenfalls bei der Vermittlung von Finanzprodukten nach einer Beratung. Wenn er nicht gut berät, wird er nicht weiterempfohlen. Bei einer Honorarberatung entstehen auf jeden Fall Kosten, unabhängig von einem eventuellen Abschluss und der Qualität der Beratung. Bei Honorarberatern können die Stundensätze 150 Euro oder auch mehr betragen. Die Deutsche Vermögensberatung hat keine Honorarberater, ihre Vermögensberater arbeiten auf Provisionsbasis.

Hat sich die Finanzkrise auf die Deutsche Vermögensberatung ausgewirkt?

Noch im Jahr 2000 gab es rund 60.000 Geschäftsstellen im Bankenbereich. Mittlerweile sind es etwa 35.000. Wir haben dagegen seit der Finanzkrise die Zahl unserer Direktionen und Geschäftsstellen stark ausgeweitet und zwei Millionen Kunden gewonnen. Die Menschen wollen mehr den je persönlich beraten werden, weil die Finanzwelt und ihre Produkte sehr erklärungsbedürftig sind. Uns kann man nicht einfach durch einen Internetkanal ersetzen.

Sie haben die niedrigen Zinsen angesprochen. Ist die Altersvorsorge der Deutschen in Gefahr?

Natürlich ist sie in Gefahr, weil es kaum noch Zinsen gibt und die Hebelwirkung des Zinseszinses fehlt. Wenn beispielsweise 100 000 Euro in 40 Jahren mit gleichmäßigen Monatsbeiträgen angespart werden sollen, war das früher bei Zinsen von neun Prozent mit 24 Euro im Monat möglich. Wenn es nur ein Prozent Zinsen gibt, muss der Sparer 170 Euro im Monat anlegen. Das heißt, es ist viel, viel schwieriger geworden, Vermögen zu bilden. Trotzdem sollte der Verbraucher das auf jeden Fall tun. Er sollte dazu insbesondere auch Fördermöglichkeiten wie die Riesterrente nutzen. Die staatliche Hilfe wirkt wie ein Zinsturbo. So können die Nachteile niedriger Zinsen mitunter mehr als ausgeglichen werden.

Erlebt die Riesterrente eine Renaissance?

In Deutschland wurden bisher etwa 16 Millionen Riesterrenten vermittelt. Das ist nur ein Bruchteil der rund 36 Millionen Berechtigten. Nicht jeder braucht die Riesterrente. Für viele ist sie aber mit ihrer attraktiven Förderung der richtige Einstieg in die Altersvorsorge. Die Deutschen sparen, legen ihr Geld aber falsch an. 40 Prozent des Geldes wird bei nahezu null Prozent angelegt. Damit kann wenig Altersvorsorge betrieben werden.

Wo sollen die Deutschen denn ihr Geld anlegen?

Wichtig ist, die Anlagen zu streuen. Wer die Basisthemen wie Berufsunfähigkeit sowie Kranken-, Pflege- und Haftpflichtversicherung abgedeckt hat, sollte für das Alter Geld zurücklegen. Das kann über eine Lebensversicherung oder Aktienfonds gehen. Auf eine mögliche staatliche Förderung sollte geachtet werden. Für Selbstständige ist die Rüruprente interessant.

Auch die Lebensversicherer kämpfen mit den niedrigen Zinsen. Die Garantiezinsen für Kunden sind weiter auf 1,25 Prozent gesunken. Hat das bei den Deutschen beliebteste Altersvorsorgeprodukt ausgedient?

Nein, keinesfalls. Eigentlich ist sie wichtiger denn je. Die Lebenserwartung steigt immer weiter. Die Lebensversicherung als Rentenversicherung ist die einzige Vorsorgeform, mit der man die steigenden Chancen auf ein langes Leben systematisch finanziell absichern kann. Der Sparer bekommt ja nicht nur den Garantiezins, sondern wegen der Überschussbeteiligung eine Gesamtverzinsung von drei oder mehr als drei Prozent. Auf dem Sparbuch gibt es nahe null Prozent, für eine Bundesanleihe vielleicht 0,7 Prozent. So gesehen ist die Verzinsung der Lebensversicherung alles andere als schlecht.

Wann steigen die Zinsen in Europa?

Solange die Staatshaushalte nicht weiter konsolidiert werden, gibt es wenig politisches Interesse an steigenden Zinsen. Die Europäische Zentralbank ist zwar unabhängig. Sie sieht aber auch die politischen Probleme, die mit einem Zinsanstieg verbunden wären. Europa kann sich indes nicht ganz der Entwicklung in den USA entziehen. Dort gibt es Anzeichen, dass die Zinsen in diesem Jahr angehoben werden könnten. Ein deutlicher Zinsanstieg hierzulande dürfte in den nächsten zwei, drei Jahren allerdings nicht zu erwarten sein.

Die EZB kauft bis ins nächste Jahr für mehr als eine Billion Euro Anleihen von Staaten. Wird so die Gefahr einer Deflation gebannt? Kurbelt der Schritt das Wachstum in Europa an?

Die Gefahr einer Deflation sehe ich hierzulande nicht. Die EZB kann auch nicht die Hausaufgaben der Staaten erledigen, die unter einer zu hohen Schuldenlast leiden. Wachstum wird begünstigt, wenn das Vertrauen der Investoren in Europa gestärkt wird. Ein wichtiges Thema in diesem Zusammenhang ist die Regulierung. In einigen Bereichen der Wirtschaft ist sie zu ausgeprägt.

Griechenland ist am Grexit vorbeigeschrammt. Hat die Politik richtig gehandelt?

Es ist etwas Zeit gekauft worden. Die Schulden sind mit über 170 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung tatsächlich hoch. Doch die Bedingungen, die die Griechen haben, um diese Schulden bedienen zu können, sind weitaus besser als in anderen Ländern. Dabei ist im vergangenen Jahr die Wirtschaft dort mit 0,8 Prozent genauso stark gewachsen wie im Durchschnitt des gesamten Euroraums. Das Bestreben der Regierung in den vergangenen Monaten, politische Veränderungen zu bewirken, hat aber Vertrauen zerstört.

Sie sind offenbar gegen einen Schuldenschnitt?

Ja. Das wäre ein schlechtes Signal an die anderen Staaten.

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