Flitzer aus Altplastik kommt

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Markus Nöske

Frankfurt/Friedberg -  Markus Nöske gibt sich bescheiden: „Es ist ein alter Hut“, sagt der Geschäftsführer der Frankfurter Travec Automotive GmbH unserer Zeitung. „Kunststoff im Fahrzeugbau ist nichts Neues. “ Recht hat er. Von Marc Kuhn

Ein Beispiel sind die Strand-Buggys aus den 70er-Jahren. Und der Renault Espace aus den 80ern war ebenfalls aus Kunststoff, wie Nöske berichtet. Damals wurden verschiedene Schichten übereinander geklebt. Der Nachteil: Die Kunststoff-Konstruktionen seien feuergefährlich gewesen, erklärt Nöske. Deshalb seien sie in Vergessenheit geraten. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Manfred Meyering setzt Nöske jetzt wieder auf Kunststoff - auf Acrylnitril-Butadien-Styrol (ABS) für den Bau eines Geländewagens - für ihren Tecdrah. Das Grundmatarial wird von BASF hergestellt und als Granulat geliefert. Im Herbst sollen die erste Fahrzeuge vom Typ Tecdrah ausgeliefert werden. In Friedberg wird derzeit ihre Entwicklung vorangetrieben.

Weiterverarbeitung ohne Qualitätsverlust

Der Vorteil des modernen Kunststoffs: Er wird zu fast 80 Prozent aus recyceltem Material hergestellt. Und er kann zu 100 Prozent weiter verarbeitet werden - ohne Qualitätsverlust. Kratzer könnten wegpoliert werden, erläutert Nöske. Entscheidend ist freilich das Gewicht. Der Geländewagen mit Kunststoff-Aufbau bringt 1070 Kilogramm auf die Waage. Ein Dacia-Duster wiege etwa 1400 Kilo, sagt Nöske, der Defender von Landrover rund zwei Tonnen. Entsprechend geringer ist der Spritverbrauch des Tecdrah. Crashtests hat er auch schon bestanden. „Der Kunststoff bricht nicht, splittert nicht, er verformt sich und nimmt die Energie auf“, erklärt Nöske. Unter der „Plastik-Haut“ sorgt eine Konstruktion aus Edelstahl und Aluminium für Sicherheit - wie ein Überrollbügel.

Die Hohlprofile seien mit einem weiteren Spezial-Kunststoff verstärkt, mit Neopolen, sagt Nöske. Bei den restlichen Komponenten des Fahrzeugs setzt Travec auf andere Hersteller. Wunschkandidat für den Motor sei eigentlich Opel gewesen, berichtet Nöske. Das Antriebsaggregat sei aber nicht rechtzeitig fertig geworden. So hätte in diesem Jahr kein Auto von Travec hergestellt werden können.

Interesse am Kunststoffauto ist groß

„Das hätte uns um ein bis zwei Jahre zurückgeworfen.“ Deshalb soll zunächst ein 1,5-Liter-Motor von Renault in das Fahrzeug eingebaut werden. Später soll mit Opel zusammengearbeitet werden. Meyering und Nöske bringen reichlich Erfahrung aus der Branche mit. Mit ihrer Firma, die zurzeit etwa 40 Mitarbeiter beschäftigt, beraten sie Fahrzeughersteller, aber auch Unternehmen aus anderen Industriezweigen, bei ihren Marktauftritten.

Als sie für eine Kunststoff-Firma arbeiteten, wurde die Idee für den Wagen aus altem Plastik geboren. Eine Gruppe von Investoren wurde ins Boot geholt. Im nächsten Jahr will Travec mit dem Kunststoff-Flitzer Geld verdienen. Die Chancen dafür stehen gut, das Interesse an dem Auto ist groß. Eigentlich wollten die Geschäftsführer ihren Geländewagen an Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen verkaufen. Sie brauchen leichte Fahrzeuge, die mit Hubschraubern transportiert werden können. Große Stückzahlen ließen sich ohne Zwischenhändler absetzen, so die Pläne. Doch es kam anders: Travec stellte den Wagen im Herbst auf der IAA in Frankfurt aus. Der Erfolg habe sie umgehauen, berichtet Nöske. Er habe mehr als 8700 Vorbestellungen, pro Jahr könnten aber nur rund 3000 Autos hergestellt werden. Etwa 18.900 Euro soll das Auto kosten. Die Vorbereitungen für die Fertigung laufen. Die Produktion werde ausgelagert, sagt Nöske. Die Fahrzeuge würden von einem Dienstleister in Zaberfeld bei Heilbronn zusammengebaut. Eine Tochterfirma von Travec in Russland stelle die Plastikplatten her, aus denen ein Unternehmen in der Nähe von Osnabrück die Teile forme.

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