„Wir hatten tierische Angst“

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Areva NP hat Offenbacher Mitarbeiter aus Japans Krisenregion geholt.

Offenbach/Erlangen - Zurzeit des bisher schwerstens Erbebens in der japanischen Geschichte am Freitag waren Mitarbeiter von Areva NP aus Offenbach in der Atomanlage Fukushima. Sie sollten dem Kraftwerkbetreiber eine Prüftechnologie für Schweißnähte vorstellen.

Das deutsch-französische Unternehmen, das Kernkraftwerke baut, hat ebenso wie zahlreiche andere Firmen seine Angestellten aus der Katastrophenregion rausgeholt und nach Deutschland gebracht. Wegen des großen Medieninteresses schirmt Areva die Mitarbeiter ab. Dennoch konnte unsere Mediengruppe mit einem Heimkehrer, dessen Namen der Zeitung bekannt ist, ein Gespräch führen. „Wir hatten tierische Angst“, sagte der Areva-Experte im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn.

Wo waren Sie zum Zeitpunkt des Erdbebens? Wie haben Sie das Beben erlebt?

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Wir waren in der Anlage in Fukushima im Reaktor 4. Er war abgeschaltet. Wir waren gerade dabei, unsere Computer und Prüfgeräte aufzubauen. Auf einmal hat das Beben angefangen. Schon am Tag zuvor hatte die Erde leicht gebebt. Unsere Dolmetscher sagten, dass das in Japan normal sei. Als es am Freitag richtig losging, waren viele Japaner um uns, die alles festgehalten haben. Das Beben ist dann immer stärker geworden. Die japanischen Kollegen wurden nervöser. Unsere Computer sind schließlich vom Tisch gefallen. Wir sind dann alle zum Ausgang gelaufen.

Ist Panik ausgebrochen?

In unserer Gruppe ist keine Panik ausgebrochen. Wir hatten drei Betreuer, die die Gruppe zusammengehalten haben und sagten, dass wir ruhig bleiben sollten. So haben wir uns auch verhalten. Als wir die Reaktoranlage verlassen hatten, haben wir gehört, dass ein Tsunami im Anmarsch ist. Deshalb sind wir auf einem Hügel zu einem Sammelpunkt gelaufen.

Wie haben Sie die Gewalt des Tsunami erlebt?

Die haben wir nicht direkt erlebt. Wir sind in ein erdbenensicheres Gebäude gebracht worden. Das ist ein spezielles Gebäude, das auf Federn und Stoßdämpfern gebaut worden ist. Es ist so groß wie eine Turnhalle. Tausende Leute passen rein. Dort war auch der Krisenstab untergebracht. Die Erde hat ständig gebebt, Das merkt man dort drinnen natürlich auch.

Und der Tsunami?

Weil wir in dem Gebäude waren, haben wir den Tsunami nicht gesehen. Als wir später aus dem Gebäude kamen, haben wir aber die Auswirkungen gesehen. Das Wasser war schon wieder weg. Es bot sich uns ein riesiges Chaos. An den Gebäuden haben wir am Wasserrrand gesehen, dass der Tsunami etwa zehn Meter hoch war.

Wie haben Sie sich gefühlt?

Wir hatten tierische Angst. Die Erde bebt. Wir Europäer erleben das ganz selten. Man hält sich fest. Ich weiß gar nicht, wie lange das Beben anhielt. Der eine Kollege meinte, es dauerte fünf Minuten, der andere sagte eine halbe Minute. Die Zeit ist mir lang vorgekommen. Wir haben uns festgehalten und Angst gehabt.

Haben die Erlebnisse Ihr Leben verändert?

Unsere Firma hat uns innerhalb von 48 Stunden rausgeholt. Wir konnten im Flugzeug dann mal relaxt sitzen. Wir sind müde. Man schläft aber schlecht. Wir haben die Vorfälle im Kopf.

Welches Bild bot sich Ihnen außerhalb der Reaktoranlage?

Es ist alles sehr geordnet abgelaufen. Japaner haben keine Panik. Wir haben Risse in den Häusern gesehen. Teilweise hatte sich der Boden angehoben. Ein großer Wasserspeicher war weggeknickt. Jede Menge Schäden haben wir gesehen.

Waren die Schäden so schlimm wie in den Fernsehbildern?

Nein, überhaupt nicht. Das hat nicht so ausgesehen wie im Fernsehen. Es war kein Chaos. Wir sind aus dem erdbebensicheren Gebäude mit einem Bus evakuiert worden. Er musste die Straße wechseln, weil Brücken kaputt waren. Man hat uns in eine Ortschaft gebracht. Wir sind dort mit Decken versorgt worden. Und wir haben eine handvoll Reis bekommen.

Wie gehen denn die Japaner mit solchen Naturkatastrophen um?

Es lief alles geordnet ab. In Deutschland wäre es wahrscheinlich ein Chaos gewesen. Die Japaner sind ganz diszipliniert. Sie haben sich beispielsweise in Dreierreihen vor den Bussen angestellt. Es lief alles sehr professionell ab.

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