Auto produziert nichts als heiße Luft

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Der Opel-Experte verweist auf die Vorteile des Brennstoffzellen-Systems der vierten Generation.

Rüsselsheim ‐ Schon beim Anlassen der zwei Tonnen schweren Familienkutsche von General Motors (GM) ist der Fahrer überrascht: Das Antriebsaggregat heult nicht auf, es erklingt nur ein leises Surren. Von Marc Kuhn

Und beim leichten Tritt aufs Gaspedal wird es kaum lauter. Ruhig setzt sich das Gefährt in Bewegung und rollt über das brach liegende Gelände von Opel in der Rüsselsheimer Innenstadt. Zwei Welten treffen an diesem Tag aufeinander: Leere Werkshallen, in denen einst die Benziner von Deutschlands Autokonzern mit dem berühmten Blitz gebaut wurden, und ein Hoffnungsträger der angeschlagenen GM-Tochter: der Hydrogen4. Auf einem Display kann der Fahrer verfolgen, wie viel Wasserstoff beim Gasgeben in die Brennstoffzelle gepumpt wird. Flott beschleunigt das Fahrzeug mit seinen 100 PS. Aus dem Auspuff kommt nur „heiße Luft“. Mit dem Auto testen GM und Opel eine Schlüsseltechnologie für die Mobilität der Zukunft: mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzellen.

Der Hydrogen4 ist das Ergebnis von zehn Jahren Forschung und Entwicklung, in die GM mehr als eine Milliarde Dollar investiert hat. Zehn Autos werden derzeit im Rahmen der „Clean Energy Partnership“ in Berlin eingesetzt. Sie bilden den europäischen Teil des „Project Driveway“ des amerikanischen Pkw-Bauers. Über 100 dieser Prototypen sollen im weltweit größten Testprogramm für Brennstoffzellenautos ihre Alltagstauglichkeit unter Beweis stellen, wie Opel berichtet.

Aus technischer Sicht sieht Lars Peter Thiesen keine Hürden mehr für die Marktreife. Mit der „Kommerzialisierung“ werde ab 2015 gerechnet, sagt Thiesen, der bei Opel für die Einführungsstrategie des Brennstoffzellenwagens verantwortlich ist. Allerdings erwartet er, dass der Preis „etliche Tausend Euro“ über den Kosten für einen herkömmlichen Wagen liegen wird. Mit vergleichbaren Preisen sei ab 2020 zu rechnen.

Der Opel-Experte verweist auf die Vorteile des Brennstoffzellen-Systems der vierten Generation. Früher hat es Probleme mit dem Wasserstoff bei Minusgraden gegeben. Mittlerweile könne der Prototyp bei bis zu minus 25 Grad gefahren werden. In den vergangenen zwei Wintern sei er in Berlin problemlos eingesetzt worden, erklärt Thiesen. Opel habe den Pkw „aus dem Labor auf die Straße gebracht“.

Wichtigstes Argument aus umweltpolitischer Sicht für die Technologie: Bei der mit Wasserstoff betriebenen Brennstoffzelle fallen gar keine Emissionen an. Mittlerweile sei eine Betankung in nur wenigen Minuten möglich, erläutert Thiesen. Zudem gebe es keine Einschränkungen bei der Fahrzeuggröße. Die Brennstoffzelle könne in Pkw und Busse eingebaut werden.

Bei den alternativen Antrieben ist die Reichweite stets ein Problem. Mit dem Hydrogen4 könne eine Strecke von etwa 320 Kilometern zurückgelegt werden, sagt Thiesen. Zum Vergleich: Der Opel Ampera fährt mit seiner Batterie rund 60 Kilometer weit. Seine Produktion soll Ende 2011 beginnen. Thiesen verweist auf Untersuchungen, nach den die täglichen Fahrtstrecken in Deutschland kürzer als 50 Kilometer sind.

Die Zuverlässigkeit bei den Tests in Berlin liegt nach seinen Worten bei 99,5 Prozent. Thiesen hält die Alltagstauglichkeit des Hydrogen4 damit für nachgewiesen. Und: „Die Begeisterung für die Technologie ist sehr hoch.“

Eine Herausforderung für die Industrie bei der Einführung von Brennstoffzellenautos nicht nur in

Deutschland ist das Tankstellennetz. Bisher kann so gut wie nirgends Wasserstoff getankt werden. Für einen uneingeschränkten Betrieb von Fahrzeugen mit Brennstoffzellen müssten hierzulande etwa 3 000 Tankstellen mit Zapfsäulen für Wasserstoff ausgestattet werden, erklärt Joachim Wolf, Vorstandschef der Wasserstoff- und Brennstoffzellen Initiative (H2BZ) Hessen. In ihr hätten sich „Akteure aus Wirtschaft und Lehre“ zusammengeschlossen. Pro Tankstelle würden Kosten in Höhe von mehr als

einer Million Euro entstehen, sagt Wolf. In Hessen seien etwa 200 dieser Tankstellen nötig, berichtet Anna-Kristin Kippels von der H2BZ-Initiative.

Die erste Wasserstofftankstelle des Landes befindet sich am südlichen Rand des Industrieparks Höchst. Sie ist Teil des von der Europäischen Union geförderten und vom Parkbetreiber Infraserv Höchst koordinierten Projekts „Zero Regio“, in dem 16 europäische Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus vier Ländern zusammenarbeiten. Die Tankstelle werde über eine 1,7 Kilometer lange Leitung mit Wasserstoff aus dem Industriepark beliefert, erläutert Ashok Rastogi von

Infraserv. Die Substanz ist ein Nebenprodukt der Chlorherstellung. Rund 30 Millionen Kubikmeter Wasserstoff fallen so pro Jahr im Industriepark an, wie Rastogi erklärt, in ganz Deutschland seien es etwa 800 Millionen Kubikmeter. Das sei genug Wasserstoff für Brennstoffzellenautos zumindest in der Anfangsphase, meint der Experte. Fünf A-Klasse-Wagen mit Brennstoffzellen seien im Rahmen des Projekts Zero Regio in Frankfurt eingesetzt worden, berichtet er weiter. Die Erfahrungen seien positiv gewesen. Die Infrastruktur sei für größere Flotten geeignet, für rund 200 Autos und etwa 20 Busse am Tag.

In Hessen seien rund 50 Unternehmen mit der Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie beschäftigt, erläutert Alexander Bracht von der Hessen Agentur. Wesentliche Komponenten wie Materialien und Katalysatoren würden in dem Bundesland entwickelt und hergestellt. „Die Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Technologie nähert sich immer mehr dem Markt“, ist sich Bracht sicher.

Sie werde in Hessen gefördert, sagt Justus Brans vom Landesministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. „Wir benötigen alternative Energieträger.“

Zurzeit gebe es weltweit rund 900 Millionen Autos, von denen 98 Prozent mit fossilen Brennstoffen betrieben würden, erklärt der Direktor des globalen Entwicklungszentrums für alternative Antriebstechnologien von Opel in Mainz-Kastel, Thomas Johnen. Nach Schätzungen würden es im Jahr 2020 etwa 1,1 Milliarden Pkw sein. „Das wird in Zukunft nicht mehr funktionieren.“ Wichtig seien Elektrofahrzeuge und Autos mit der Brennstoffzellen-Technik.

Abhängigkeiten vom Öl, die Luftverschmutzung und Klimaveränderungen machen nach Ansicht von H2BZ-Chef Wolf ein Umdenken nötig. Und: „Das Ende der fossilen Brennstoffe ist morgen“, sagt er. „Wir müssen uns umschauen, wie es weitergeht.“

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