Mit Ein-Euro-Jobbern gegen Personalnot

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Die Personalnot wird immer spürbarer. Mit „Schnupperjobs“ wollen Heime vermehrt Arbeitslose für die Pflegearbeit gewinnen.

Zuerst liefen die Vertreter der Wohlfahrtsverbände noch Sturm gegen den Einsatz von sogenannten Ein-Euro-Jobbern und das Hartz-IV-Gesetz. Inzwischen denken die Organisationen anders über das Anwerben und Einbinden von Langzeitarbeitslosen, also von meist fachfremden Männern und Frauen in Pflegeheimen. Von Peter Schulte-Holtey

Das ist doch oft der einzige Ausweg, um die Pflege der alten Menschen noch zu gewährleisten“, sagen Experten. „Wir wollen den Arbeitslosen, die oft aus schwierigen Verhältnissen kommen, eine Chance geben. Es fängt mit einem Praktikum an, dann kann es ein 400-Euro-Job und schließlich unter Umständen eine Ausbildung plus Festanstellung sein“, beschreibt Ilija Ohm, Leiter des DRK-Seniorenzentrums in Langen, den Weg, den nun immer mehr Pflege-Einrichtungen in der Region einschlagen wollen. Zuletzt im September fand im Langener DRK-Heim eine Vorstellungsrunde mit vierzehn Teilnehmern statt; fünf Langzeitarbeitslose durchlaufen nun im Seniorenzentrum ein Praktikum, im Anschluss soll über eine Einstellung entschieden werden. Nach den Angaben von Ohm ist der Einsatz von Ein-Euro-Jobbern auch in den DRK-Pflegeheimen in Egelsbach, Dietzenbach und in Mühlheim (Eröffnung voraussichtlich Sommer 2010) geplant.

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Für Ohm sind es notwendige Schritte. „In Deutschland gibt es 40 000 offene Stellen im Pflegebereich. Wir müssen mehr tun, um das Interesse an den Jobs zu wecken“, sagt er und verweist auch auf einen enormen Bedarf im Kreis Offenbach. Und die Personalsituation der Einrichtungen werde sich nochmals verschärfen, so die Warnungen. Denn natürlich werden für die derzeit in Planung oder im Bau befindlichen neuen stationären Pflegeeinrichtungen in Stadt und Kreis Offenbach - mit insgesamt etwa 1000 Betten - auch zusätzliche Fachpflegekräfte benötigt.

Experten: Gezielte Anwerbung von Ein-Euro-Jobbern sehr hilfreich

Matthias Schulze-Böing vom Amt für Arbeitsförderung in Offenbach berichtet von enormen Chancen für Arbeitsuchende bzw. Ein-Euro-Jobber in der Pflege. „Die Arbeitsgelegenheiten sind, neben kürzeren Trainingsmaßnahmen, die es auch noch gibt, eine gute Möglichkeit, Arbeitspraxis zu gewinnen und sich für den späteren Einsatz in solchen Arbeitsbereichen zu qualifizieren. Viele unserer Arbeitsuchenden konnten nach einer Arbeitsgelegenheit in ein Dauerarbeitsverhältnis wechseln.“ Alle Möglichkeiten der Aktivierung und Qualifizierung von Arbeitsuchenden müssten genutzt werden. „Dazu setzen wir das gesamte Instrumentarium der Arbeitsförderung ein“, versichert Schulze-Böing. Experten halten die gezielte Anwerbung von Ein-Euro-Jobbern für sehr hilfreich; es sei ein „Notnagel“.

Martin Glaub, Leiter des Diakonischen Werks Offenbach-Dreieich-Rodgau, gehört zu denjenigen, die zuletzt immer wieder davor warnten, vorschnell von „Patentrezepten“ zu sprechen: „Das System ist so vielschichtig und komplex, dass es sicherlich keine einfachen - auch wenn die Politik dies gerne hätte - Antworten darauf gibt, außer ,man’ würde erheblich mehr Geld zur Verfügung stellen.“ Just in dieses Horn stößt auch Jens Ahäuser von der Gewerkschaft ver.di. Er wundert sich nicht, dass vielen Heimen „das Wasser bis zum Hals steht“; die Bezahlung in der Altenpflege sei überwiegend schlecht: „Die meisten ausgebildeten Pflegekräfte verdienen zwischen 1500 und 2000 Euro. Nur wenige Betriebe zahlen nach einem Tarifvertrag.“

Wer Licht ins Dunkel bringen will, hat es schwer

Wer sich intensiver mit der Personalnot in den Heimen befasst, wird auch die Warnungen vor dem Einsatz von Ein-Euro-Jobbern nicht überhören. Der Offenbacher Amtschef Schulze-Böing und andere Verwaltungsvertreter betonen zwar, dass die Betroffenen keine normalen Arbeitsverhältnisse verdrängen und nicht im pflegerischen Bereich eingesetzt werden dürfen. Aber langjährige Beobachter der „Pflegeszene“ sind skeptisch. Das Problem: Wer Licht ins Dunkel bringen will, hat es schwer. Beim Personal in den Heimen wird ungern offen über das Thema gesprochen, die meisten sind auch viel zu sehr mit der alltäglichen (Personal-)Not beschäftigt. Claus Fussek, Fachmann und Buchautor, versucht seit Jahren die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Fast täglich bekommt er „Rückmeldungen“, ihm wird vertraut. Oft sind die Berichte aus dem Heimalltag erschütternd. „Ständig informieren mich Pflegekräfte darüber, dass viele Ein-Euro-Jobber zum Teil wie hauptamtliche Mitarbeiter eingesetzt werden“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ähnlich wie Zivildienstleistende und auch Auszubildende werden sie in zahlreichen Pflegeheimen ,verheizt’. Sie müssen ohne - oder nur mit spärlicher Arbeitseinweisung, ohne Anleitung und Begleitung auskommen. Viele sind hoffnungslos überfordert und überlastet!“ Fussek hat „Bauchschmerzen“, das wird deutlich: In Kitas oder Schulen komme niemand auf die Idee, Ein-Euro-Jobber wegen des Personalmangels einzusetzen, klagt er - und: „Viele sind auch nicht freiwillig in den Heimen und entsprechend motiviert.“

Man ist für jeden froh, der mithilft

Der Pflegeexperte malt ein düsteres Bild: „In zahlreichen Heimen herrscht chronischer Personalmangel, die Mitarbeiter stehen unter enormen Zeitdruck. Man ist über jeden froh, der mithilft.“ Viele alte Menschen seien zufrieden und dankbar, „dass überhaupt jemand für sie da ist, mit ihnen spricht, ihnen zuhört, an die frische Luft geht, ihnen beim Essen und Trinken hilft“, meint Fussek, der mit deutlichen Worten daran erinnert, dass sie nicht im Pflegebereich eingesetzt werden dürfen. Der „Kämpfer für die Rechte der Alten“, wie Fussek auch bezeichnet wird, will aber auch nicht alles schlecht reden. So betont er, dass es in den „guten Heimen“ Anleitung und Begleitung für angeworbene Arbeitslose gebe. „Kurse, Schulungen, Fortbildungen, Supervision ... das wird den Ein-Euro-Kräften dort angeboten. Und bei Bewährung folgt dann auch die Festanstellung.“ Für manche Arbeitslose sei der Job in den Heimen damit „eine echte Chance für einen Einstieg in eine sinnvolle Berufstätigkeit“.

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