„Retail Report“ sieht Chancen für kleine Läden

Einfach nur billig reicht nicht mehr

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Janine Seitz (oben) ist Autorin des „Retail Report 2016“, in dem das Zukunftsinstitut neue Trends im Handel aufzeigen. Auf dem Bild Sylvester Schäfer von „Tischkultur Schäfer“: Er verkauft in seinem Laden in der Offenbacher Marktstraße Tischwäsche und Accessoires und will mit Beratung und Service punkten.

Offenbach - Der Handel ist in einem tiefgreifenden Umbruch: Die Online-Konkurrenz macht vielen stationären Läden zu schaffen, Kundenansprüche wie Einkaufsverhalten haben sich geändert. Von Achim Lederle

In der Serie „Handel im Wandel“ beleuchtet unsere Zeitung die Facetten des Umbruchs und zeigt auf, wo die Chancen der Läden vor Ort liegen, um im Online-Zeitalter bestehen zu können.  Im neuen „Retail Report 2016“, herausgegeben vom Zukunftsinstitut Frankfurt und der Fachzeitschrift „Der Handel“ und verfasst von Janine Seitz und Theresa Schleicher, wird das Thema „Zukunft des Handels“ genau beleuchtet. Unser Redakteur Achim Lederle sprach mit der studierten Kulturanthropologin Seitz, die seit 2008 als Redakteurin im Zukunftsinstitut tätig ist, über die 112-seitige Studie.

Welchen Herausforderungen muss sich der stationäre Handel in Zukunft stellen? 

Das Thema „Multi-Chanelling“ ist weiter aktuell. Das heißt, der stationäre Handel muss sich stärker online bewegen und die Online-Kanäle miteinbinden. Das Ladengeschäft alleine genügt meist nicht mehr. Die Konsumenten unterscheiden längst nicht mehr zwischen offline und online: Die Zukunft liegt deshalb auch in der Verknüpfung beider Einkaufsformen: Zum Beispiel wird es bald selbstverständlich sein, dass der Kunden online bestellte Ware im Ladengeschäft abholen. Darauf muss sich der stationäre Handel einstellen. Vielfach läuft es ja auch so ab, dass viele Verbraucher inzwischen im Internet recherchieren und dann in die Läden gehen. Beratung wird deshalb in Zukunft ein noch wichtigerer Erfolgsfaktor für Händler vor Ort sein. Erwartet wird von ihnen zunehmend auch ein ausgeprägtes Fachwissen.

Wie technikaffin müssen stationäre Händler in Zukunft sein? Geht ohne umfassende Computer-Kenntnisse gar nichts mehr?

Die großen Onlinehändler wie Zalando beschäftigten sich ja inzwischen mehr mit technischen Innovationen als mit dem eigentlichen Handel. Je größer das Online-Angebot ist, umso mehr muss der Händler natürlich mit Software und Tools auf der Höhe der Zeit sein. Ich denke jedoch nicht, dass jeder Einzelhändler einen Online-Shop braucht. Wichtiger ist, dass der Händler online auffindbar ist und vielleicht auch den Dialog mit Kunden über soziale Netzwerke pflegt. 

Sie schreiben in der Studie, dass „Lifestyle“ beim Einkauf immer wichtiger wird. Könnten Sie dies genauer erläutern?

Wir sehen eine verstärkte Lifestyle-Orientierung bei Discountern. Zum Beispiel Primark: Der Textilhändler hat großen Erfolg mit seinem Konzept, günstige Mode für junge Leute zu bieten. Primark ist unter Jugendlichen eine hippe Marke, über die gesprochen wird. Ein anderes Beispiel sind Lidl und Aldi, die inzwischen auch Feinkost und Premium-Lebensmittel anbieten und diese massiv bewerben. Die Discounter nähern sich damit immer mehr den Supermärkten an. Ich denke, diese Entwicklung wird sich noch verstärken. Daran sieht man: Einfach nur billig sein funktioniert nicht mehr. Über den Preis alleine sind Verbraucher nicht mehr anzusprechen. Hinzukommen muss Qualität und ein Konzept.

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Wichtiges Stichwort Ihrer Studie ist auch Authentizität. Welchen Tipps geben Sie Händlern, um Shopping zum Erlebnis zu machen? 

Der Erlebnisfaktor wird inzwischen zu hoch gehängt. Nur die großen Handelsketten können sich leisten, den Kunden spektakuläre Events anzubieten oder zum Beispiel die Outdoor-Kleidung im Windkanal zu testen. Viel wichtiger ist Authentizität wie eine Liebe zum Detail bei der Ladengestaltung. Gerade kleinere Händler können sich hier abheben vom Einheitslook der großen Ketten. Auch die Einbeziehung lokaler Künstler oder Designer kann die kleinen Geschäfte aufwerten. Wichtig ist auch, dass sich die Kunden gerne am Ort des Einkaufs aufhalten, indem sie ein zusätzliches Angebot bekommen und der Laden zum sozialen Treffpunkt wird. Mit Glaubwürdigkeit und individueller Ansprache lässt sich im Handel noch gewaltig punkten. Wenn sich Menschen zum Einkauf gerne in der Stadt treffen, ist dies auch ein Beitrag gegen die Verödung der Innenstädte.

In Ihrer Studie ist auch die Rede von Straßenmärkten als einer wichtigen Möglichkeit des Handels. 

Es gibt eine Renaissance der Wochenmärkte, die oft themenorientiert sind wie zum Beispiel „Foodmarkets“. Menschen kaufen wieder gerne auf Märkten ein, kommen ins Gespräch und suchen den Austausch mit den Händlern. In ganz Europa werden alte Markthallen renoviert oder neue gebaut. Hier ist auch natürlich der Erlebnischarakter da; der Markt ist auch eine Art Eventkultur. Immer mehr junge Menschen treffen sich gerne auf Märkten; für viele Ältere sind sie eh ein Anziehungspunkt.

Was ist das Fazit Ihrer Studie? Welche Kernaussagen treffen Sie?

Der stationäre Handel muss wegkommen von der Abwärtsspirale beim Preis. Im Internet können Produkte billiger angeboten werden, hier ziehen die kleinen Läden immer den Kürzeren. Sie müssen Service und Qualität bieten, beraten, informieren und dafür sorgen, dass sich die Kunden im Laden wohl fühlen. Wenn sie dies schaffen, ist mir um die Zukunft der kleinen Händler nicht bange.

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