Funktion ist Teil des Designs

Erbach - In seinem Büro herrscht ein buntes Durcheinander. In den Regalen stapeln sich Produkte, Modelle, Designbücher. Es ist das Büro von Jürgen Diehl bei Koziol. Der studierte Industriedesigner ist einer der kreativen Köpfe vom „Werksdesign“. Von Sonja Thelen

Bekannt ist Koziol für seine witzigen und farbenfrohen Kunststoff-Objekte, die man in nahezu jeder Lebenslage gebrauchen kann. In diesem Jahr feiert das Familienunternehmen mit Sitz in Erbach im Odenwald sein 85-jähriges Bestehen. 12 Millionen Artikel werden jährlich in der Fabrik im Erbacher Industriegebiet produziert und in 50 Länder exportiert. 70 Prozent der Ware geht in den Außenhandel, berichtet Pressesprecherin Katrin Bode. 170 Mitarbeiter sind bei der Firma beschäftigt.

Kurz nachdem er mit dem Studium an der Technischen Universität in Darmstadt fertig war, kam auch Designer Jürgen Diehl zu Koziol. Das war vor 22 Jahren. Und die Ideen sprudeln ungebrochen. „Ich arbeite parallel an mehreren Projekten“, erzählt er. Lange rumgedoktert habe das Team beispielsweise an einem Kaffeefilter. „Wir hatten schon mehrere Designer beauftragt. Aber niemand hatte die zündende Idee.“ Die kam ihm schließlich selbst: Jetzt waren der neue „Unplugged“-Filter und die Thermobecher „Aroma to go“ die Highlights am Stand auf der Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt.

Berühmt war Koziol für die Traumkugeln

Angefangen hat die Geschichte von Koziol aber mit Elfenbein. Bernhard Koziol eröffnete Ende 1927 im benachbarten Michelstadt eine Werkstatt, in der aus Elfenbein Schmuck geschnitzt wurde. Die Verarbeitung des Materials hat in der Region Tradition - wie im Deutschen Elfenbeinmuseum in Erbach zu sehen ist. Der Erwerb der ersten Kunststoffspritzgussmaschine 1935 stellte die Weichen für die weitere Entwicklung. Doch zunächst konzentrierte sich die Produktion auf die Herstellung von Broschen, Haarschmuck oder Armreifen. Später folgten vor allem Souvenirartikel, Weihwasserbecken an Wallfahrtsorten oder Sprüchetafeln - das waren die Topseller in den 1960er- und 1970er-Jahren, erzählt Sprecherin Katrin Bode. Die Kunststoffproduktion erfüllte damals eher den Nutzen, andere, wertvollere Materialien wie Holz, Glas oder Metall zu imitieren. „Kunststoff wurde nicht geschätzt. ‚Das ist ja nur Plastik‘ hieß es damals“, erzählt Bode.

Berühmt war Koziol für die Traumkugeln. Die Idee hatte Bernhard Koziol 1950: Er war mit seinem VW-Käfer in einer Schneeverwehung stecken geblieben, schaute durchs Rückfenster und sah im Schneegestöber drei Rehe stehen.

Millionen für den Bau einer „Glücksfabrik“

Völlig umgekrempelt wurde die Produktion, als die Söhne Bernhard und Stephan Koziol 1980 das Ruder übernahmen. Dem mittlerweile in Erbach angesiedelten Hersteller gelang eine Revolution, als der hauseigene Designer Thomas Etzel die Erfolgskollektion „Rio“ aus transluzentem Kunststoff entwarf - dem Trendmaterial der 90er Jahre. Es folgten der erste CD-Ständer überhaupt und vieles mehr. Heute zählt Koziol zu den führenden Herstellern von Design-Haushalts-, Büro- und Einrichtungsobjekten. Aber jedes Produkt - ob Pfannenwender, Mülleimer, Hocker oder Klobürste - muss zum firmeneigenen Anspruch passen, so Bode: „Wir machen schöne Dinge, die dekorativ sind und einen glücklich machen. Und die Funktion ist immer Teil des Designs.“

Glück: Das ist ein Begriff, der sich ständig in der firmeneigenen Philosophie und im Sprachgebrauch wiederfindet. Einige Millionen Euro hat das hessische Unternehmen vor wenigen Jahren in den Bau seiner „Glücksfabrik“ gesteckt, die auch das 2009 eröffnete interaktive Museum beherbergt, wo der Besucher eine Zeitreise unternehmen kann: Beginnend 1927, durch die 30er-Jahre, die Epoche des Wiederaufbaus und Wirtschaftswunders, die Flower-Power-Zeit, die 70er-Jahre bis zur Gegenwart. 35.000 Besucher verzeichnete das Museum im vergangenen Jahr. Daran angeschlossen sind ein Design-Outlet und die „Glücks-Kantine“.

Herstellung mit 50 Materialien und 500 Farben

Investiert hat das Unternehmen zeitgleich in seine thermoplastische Kunststoffverarbeitung und für gut drei Millionen Euro einige neue Spritzgussmaschinen angeschafft. Durch die Modernisierung konnten beispielsweise die Fertigungszeiten der Artikel verkürzt sowie die Aus- und Einbauphase der Gussformen an den Maschinen erheblich reduziert werden. Werkzeugmacher stellen die Formen in der eigenen Werkstatt her. 12.000 verschiedene Formen lagern mittlerweile bei Koziol. Zudem wurde ein Rohrsystem installiert, mit dem die Maschinen sich das benötigte Granulat ansaugen können. „Früher wurden die Behälter von Hand gefüllt. Das ist jetzt nicht mehr nötig“, erklärt die Pressesprecherin. Aber ansonsten „ist das Verfahren noch genauso wie 1935, als Bernhard Koziol die erste Spritzgussmaschine angeschafft hat“, erklärt Bode beim Rundgang durch die Halle.

600 verschiedene Artikel werden hier produziert. „Alles made in Germany“, merkt Katrin Bode stolz an. In der Herstellung werden 50 Materialien und 500 Farben verwendet. Polystyrol, Polypropylen, Polycarbonat, Polyethylen und Polyamid sind die gebräuchlichsten Kunststoffe. Sie sind unterschiedlich weich und hart sowie recycelbar. „Bei uns ist alles wiederverwendbar“, betont die Pressesprecherin.

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