Eigenverantwortung ist gefragt

Offenbach/Dietzenbach (ku/al/dpa) - Geht es um die Arbeitszeit, so vertrauen Unternehmen zunehmend ihren Mitarbeitern - in Deutschland und der Region. „Wir haben keine Stechuhren mehr“, sagt Peter Lehnert, als Sprecher bei Siemens unter anderem für den Standort Offenbach zuständig.

Mit der Vertrauensarbeitszeit, die aus Sicherheitsgründen aber nicht in produzierenden Bereichen genutzt werden könne, habe der Industriekonzern einwandfreie Erfahrungen gemacht.

Ähnlich sieht es beim IT-Dienstleister Controlware in Dietzenbach aus. Dort ist Vertrauensarbeitszeit schon lange Standard. „Die Mitarbeiter tragen Urlaubs- und Krankheitstage selbst ins Intranet ein. Im jeweiligen Team wird geregelt, wer wann verfügbar ist, aber jeder der 260 Mitarbeiter in Dietzenbach ist individuell für seien Arbeitszeit verantwortlich“, erzählt Andrea Schroll von der Controlware-Personalabteilung. In ihrem Büro laufen die Fäden zusammen. Hier wird darauf geachtet, dass die 40-Stunden-Woche in dem nicht tarifgebundenen Unternehmen eingehalten wird.

Schrolls Erfahrungen mit der Vertrauensarbeitszeit sind nur positiv: „Wir können so auf Auftragsspitzen flexibel reagieren. Die Mehrarbeitstage werden dann abgebaut, wenn weniger zu tun ist.“

Die Arbeitskultur hat sich gewandelt. Flexibilität ist in den Firmen Trumpf. Gleitzeitarbeit, variable Beschäftigungszeiten oder Vertrauensarbeitszeit sind dabei die Stichwörter. Grundsätzlich geht es bei der Vertrauensarbeitszeit darum, dass die Beschäftigten nach den Ergebnissen ihrer Arbeit und nicht nach der Dauer bezahlt werden. Die Vorteile für die Mitarbeiter liegen auf der Hand: Sie könne viel freier über ihre Arbeitszeit verfügen und private Termine leichter integrieren. Der Vorteil für Betriebe ist, dass Überstunden und teure Zeiterfassungssysteme wegfallen. Also eine „Win-win-Situation“ für alle?

Gewerkschaften skeptisch

Die Gewerkschaften sind beim Thema Vertrauensarbeitszeit skeptisch. Die erste Bevollmächtige der IG Metall Offenbach, Marita Weber, warnt vor „Augenwischerei“. „Vertrauensarbeitszeit funktioniert nur dort, wo Vertrauen da ist. Ein Großteil der Unternehmen nutzt dieses Modell jedoch zur Ausweitung der Arbeitszeiten“, sagt sie. Weber fordert in jedem Fall eine genaue Dokumentation der Arbeitszeiten. „Auch bei Vertrauensarbeitszeiten sind Betriebsvereinbarungen wichtig. Die Spielregeln müssen geklärt sein.“ so Weber. Zum Beispiel müsse klar sein, wann Überstunden abgebaut werden könnten und wie Mehrarbeit ausgeglichen werde. Wenn der Rahmen stimmt, hat auch die Offenbacher IG-Metall-Chefin nichts gegen Vertrauensarbeitszeit, wie sie betont. Ihr persönlich seien jedoch „vernünftige Gleitzeitregelungen“ lieber. Im Rhein-Main-Gebiet ist laut Weber die Metall- und Elektroindustrie ein Vorreiter der eigenverantwortlichen Arbeitszeit.

Siemens-Sprecher Lehnert sagt, es sei ein „gewisses Kulturgut, wenn sich die Mitarbeiter nicht mehr überwacht fühlen“. Die Vertrauensarbeitszeit sei Teil des bei dem Konzern entwickelten Konzepts Office. Siemens habe damit begonnen, seine weltweiten Standorte auf die Anforderungen der modernen Arbeitswelt von morgen vorzubereiten, berichtet der Sprecher. Unter dem Namen „Siemens Office“ werde ein Großteil aller Büros schrittweise neu- oder umgestaltet. Im Mittelpunkt stehe eine Philosophie, die neue Möglichkeiten in Bezug auf flexibles Arbeiten sowie die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Karriere biete. Die Mitarbeiter sollen einen Teil ihrer Arbeitszeit zu Hause verbringen können. Damit reagiere Siemens auf den globalen Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte.

Fürsorgepflicht des Managements

Der Chefetage kommt eine besondere Rolle bei der Vertrauensarbeitszeit zu. Es müsse klar festgelegt sein, „welche Ziele zu erfüllen sind, damit es nicht zur Selbstausbeutung der Mitarbeiter kommt“, so der Präsident des Verbandes der Personalmanager, Joachim Sauer. Das Management habe eine Fürsorgepflicht und das Konzept funktioniere nur dann, „wenn Führungskräfte entsprechend gut qualifiziert sind.“

Laut Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kommt das Konzept desto eher zum Einsatz, je mehr Mitarbeiter eine Firma hat. Flächendeckend mache Vertrauensarbeitszeit keinen Sinn. Das IAB betont, dass das Modell mit der Arbeit zusammenpassen müsse. Dann jedoch könne gelten: Vertrauen ist gut, Kontrolle nicht immer besser.

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