Immer weniger Lehrlinge

Dem Handwerk in Deutschland fehlt Nachwuchs

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Berlin - Für das Handwerk wird es seit Jahren schwieriger, Nachwuchs zu finden - auch in Offenbach. Jetzt befürchten die Betriebe, dass sie überdies ihre erfahrenen Beschäftigten früher verlieren. Von Marc Kuhn

Das Alter war für Ronald Becker zweitrangig. „Man muss ein Gefühl für Metall haben“, sagte der Ausbildungsleiter des Aschaffenburger Unternehmens Johann Modler. Und so stellte er im Sommer einen 25 Jahre alten Studienabbrecher neben seine 17 Jahre alten Lehrlinge an die Werkbank. In zweieinhalb Jahren wird der Ex-Maschinenbau-Student Feinwerkmechaniker, Meisterbrief inklusive. „Das ist mit Sicherheit auch eine Variante für andere“, erklärte Becker der dpa.

27 Studienabbrecher hat die Würzburger Handwerkskammer schon in Betriebe vermittelt. „50 bis 60 sind noch in der Pipeline“, sagte Koordinator Thomas Gauer. Das Werben um Abbrecher ist ein Weg, den zunehmenden Nachwuchsmangel anzugehen. Gegen die drohende Gefahr am anderen Ende der Alterspyramide ist dagegen noch kein Mittel gefunden: die Rente mit 63 Jahren.

Über fünf Millionen Beschäftigte

Noch hat das Handwerk weit über fünf Millionen Beschäftigte. Doch die Zahl der Beschäftigten stagniert bestenfalls. Der Geschäftsstellenleiter der Kammer Frankfurt-Rhein-Main in Offenbach, Uwe Czupalla, erklärte unserer Zeitung, dass in Stadt und Kreis etwa 30.000 Menschen in Handwerksbetrieben arbeiten. Seit Jahren stehen in Deutschland in jedem September weniger Lehrlinge an der Werkbank, im vergangenen Jahr blieben nach Branchenangaben 15.000 Ausbildungsplätze frei. „Es wird durch die Bank schwieriger, Fachkräfte zu finden“, heißt es beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Das liege an zwei Trends, meint der Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Karl Brenke. „Zum einen drängt es immer mehr Schulabgänger in die Uni- und Fachhochschulausbildung, zum anderen wird die Zahl der Jugendlichen kleiner, vor allem im Osten.“

In Offenbach sind 2013 nur 20 Lehrstellen nicht besetzt worden. Allerdings seien auch weniger Ausbildungsplätze angeboten worden, erklärte Czupalla. Seit Jahren beobachten die Unternehmen, dass Angebot und Nachfrage auf dem Lehrstellenmarkt nicht zusammen passen: Mechatroniker, Maler, Friseurin oder Arzthelferin wollen viele Schulabgänger werden. Sanitärbetriebe dagegen suchen händeringend Nachwuchs.

Hauptschüler sind für Handwerksbetriebe wichtig

Möglicherweise machen die Betriebe aber auch Fehler, argwöhnt Ökonom Brenke: „Ein Viertel bis ein Fünftel aller Ausbildungsverträge wird vorzeitig aufgelöst. Das kann an dem Jugendlichen liegen, muss es aber nicht.“ Viele Betriebe hätten sich jahrelang die Lehrlinge aussuchen können und wenig Gedanken an Personalplanung und Ausbildungsqualität verschenkt. Sie müssten nun umdenken.

Brenke fordert, dass das Handwerk nicht nur um Abiturienten werbe, sondern mehr Hauptschüler einstelle. Auch nach Ansicht von Czupalla sind Hauptschüler für die Handwerksbetriebe wichtig. Er sieht dort ein großes Potenzial. Mit Zuwanderern sei die Lücke kaum zu füllen, sagt ZDH-Sprecher Alexander Legowski. Viele seien nicht genügend qualifiziert. Legowski meint, dem Handwerk wäre schon viel geholfen, wenn Mädchen und Jungen in den Schulen lernen, wie groß die Vielfalt der 160 Lehrberufe im Handwerk sei.

Die Köpfe der Wirtschaft in Stadt und Kreis Offenbach

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Doch während der Verband sich noch um den Nachwuchs Gedanken macht, drohen durch die geplante Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren neue Probleme. „Das wird bei uns richtig reinhauen“, sagte Legowski. 400.000 Kollegen seien über 60 Jahre alt. „Die haben in der Regel die 45 Beitragsjahre auf dem Buckel und könnten uns verloren gehen.“

Czupalla bezeichnete die Rente mit 63 als unnötig. „Der Schritt ist viel zu teuer.“ Zudem werde die Regelung den Fachkräftemangel verschärfen. „Die Rente mit 63 ist das falsche Signal“, sagt Czupalla. Da die Handwerker bereits jetzt nicht genügend Nachwuchs haben, erklärte Czupalla: „Da entsteht eine Lücke.“

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