Lieschen Müller und der Immobilienfonds

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Hauptsache Abschluss: Finanzberatungen sind durch die seit 2010 geltenden Protokolle nicht besser geworden. Vor allem das Provisionssystem steht in der Kritik.

Offenbach/Bonn . Ahnungslose Bankkunden übers Ohr gehauen? Wegen möglicher falscher Beratung geht die Finanzaufsicht BaFin erstmals gegen sechs Geldinstitute vor. Von Ralf Enders

Ein Bußgeldverfahren wurde eingeleitet, wie ein BaFin-Sprecher einen Bericht des „Handelsblattes“ bestätigte. Es geht um fehlende oder unkorrekte Beratungsprotokolle nach Gesprächen über Geldanlagen. Die Namen der Banken nannte der Sprecher nicht; den Instituten drohen nun Bußgelder von bis zu 50.000 Euro. Ungleich schwerer dürfte jedoch der neuerliche Imageverlust wiegen. Die Banken können nun gegenüber der BaFin Stellung nehmen.

Tipps für Beratungsprotokolle

Hintergrund: In der Finanzkrise des Jahres 2008 hatten tausende Kleinanleger mit Wolkenkuckucks-papieren ihr Erspartes verloren. Hans Mustermann und Lieschen Müller kauften in den Jahren zuvor komplizierte und vor allem riskante Finanzprodukte, die sie eigentlich nicht wollten, geschweige denn verstanden. Der durch die öffentliche Empörung aufgeschreckte Gesetzgeber wollte mehr Chancengleichheit zwischen Privatkunden und Kreditinstituten schaffen und verpflichtete zum Jahresbeginn 2010 die Banken zu verbindlichen Beratungsprotokollen über die Kundengespräche.

Konkret: Kauft sich Lieschen Müller ahnungslos in einen offenen Immobilienfonds ein, statt - ihrem „Risikoprofil“ gemäß - etwa Bundesschatzbriefe zu erwerben, kann sie mit dem Beratungsprotokoll die Bank verklagen.

Verbraucherzentralen schließen sich der Kritik an

Gut gemeint, aber in der Praxis offenbar untauglich. Bereits im vergangenen Jahr fällte die Stiftung Warentest nach Stichproben ein vernichtendes Urteil: „Völlig unbrauchbar“ und „ein Witz“ sei das, was in den Protokollen stehe. Anleger seien trotz Protokolls manipuliert worden, die Papiere strotzten vor unverständlichen Fachbegriffen, und einige Kunden seien entgegen der Gesetzeslage zu Unterschriften genötigt worden. Die Verbraucherzentralen schlossen sich dieser Kritik an.

Die entsprechenden Formulierungen im Wertpapierhandelsgesetz sind zudem schwammig, und die Beweislast der falschen Beratung liegt beim Kunden.

Kein Wunder, dass auch der Finanzexperte Dominik Georgi von der Frankfurt School of Finance die Bankberater nicht lobt: „Banken sollten Transparenz als einen Wettbewerbsfaktor sehen“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa, „Offenheit und Ehrlichkeit können Kaufargumente sein.“ Der Professor sieht ein strukturelles Problem: Bankberater erhalten Provisionen, wenn sie Produkte verkaufen. So sei der Vertragsabschluss unter Umständen wichtiger als eine gute Beratung. Georgi plädierte gegenüber der dpa für Honorarberatungen; der Berater wird hier für die Beratung bezahlt und nicht für einen Vertragsabschluss. Problem: Viele Deutsche tun sich noch schwer damit, 200 bis 300 Euro für ein oder zwei Stunden Finanzberatung zu bezahlen. Dabei kann sich die strikte Neutralität und Transparenz schnell lohnen.

Hessische Landesregierung will Antrag in den Bundesrat einbringen

Das denkt sich auch die Hessische Landesregierung. Sie will am heutigen Freitag einen Antrag in den Bundesrat einbringen, wonach das System der unabhängigen Honorarberatung im deutschen Finanzgewerbe gestärkt wird. Die Minister für Verbraucherschutz und Finanzen, Lucia Puttrich und Thomas Schäfer (beide CDU), teilten gestern in einer gemeinsamen Erklärung dazu mit, die meisten Finanzberater arbeiteten nur scheinbar unabhängig und kostenlos. „Ein Berater, der unabhängig von Provisionen ist, verkauft dagegen das geeignete Produkt und nicht das, an dem er am meisten verdient.“ Kunden müssten erkennen, wer ihnen gegenüber sitze: ein unabhängiger Berater oder ein Vermittler, der auf Provisionsbasis arbeite.

Passend zu diesem Vorstoß findet heute eine Konferenz in Frankfurt statt. Titel: „Transparenz von Bankangeboten“.

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