Wechselvolle Geschichte

Von Weltapotheke zum Industriepark

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Heute sind etwa 90 Firmen im Industriepark Höchst angesiedelt.

Frankfurt - Nach 150 Jahren wechselvoller Geschichte ist Frankfurt-Höchst noch immer einer der größten Chemie-Standorte Europas. Die strategischen Entscheidungen fallen nach Zerschlagung der Hoechst AG aber anderswo.

Die Liste reicht vom Mineralölkonzern Agip bis zum Rohrleitungsspezialisten Zoth: Rund 90 Firmen sind heute im Frankfurter Industriepark Höchst angesiedelt und beschäftigen dort 22.000 Menschen, darunter rund 4000 in Forschung und Entwicklung. Heute soll ein Festakt daran erinnern, dass hier vor 150 Jahren das Stammwerk des späteren Hoechst-Konzerns gegründet worden ist. Vom zwischenzeitlich größten Pharma-Konzern der Welt sind aber nach Zerschlagung und Fusionen nur noch die Produktionsstätten übrig. Die unternehmensstrategischen Entscheidungen über die Zukunft des Chemie-Standortes fallen längst an anderen Orten.

Modernisierung, Innovation und teils erzwungene Gesellschaftswechsel prägen die Unternehmensgeschichte seit Gründung der „Theerfabrik Meister Lucius&Co“ am 31. Januar 1863 im nassauischen Hoechst am Main. Ausgehend von Textilfarben entwickelte sich ein vielfältiges Portfolio: Medikamente, Dünger, Farbstoffe, Pflanzenschutzmittel, Folien, Fasern, Kunststoffe und Chemikalien aller Art sind über die Jahre in Höchst hergestellt worden.

Deutschland galt als „Apotheke der Welt“

Als besonders einträglich erwies sich die 1883 gestartete Produktion von Arzneimitteln. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Deutschland als „Apotheke der Welt“. Herausragende Chemiker wie Robert Koch, Emil von Behring und Paul Ehrlich arbeiteten mit den Höchstern zusammen, die unter anderem das erste synthetische Hormon und das erste Mittel gegen die Syphilis marktreif machten.

Markante Einschnitte hängen mit den zwei Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts zusammen. In Folge des ersten Krieges hatten die deutschen Chemie-Unternehmen Absatzmärkte verloren und zudem neue Konkurrenz insbesondere in den USA hinzubekommen. Auch die Höchster schlossen sich 1925 unter Sanierungsdruck der „Interessengemeinschaft Farben AG“ an, die sich später von den Nationalsozialisten immer enger in die Vorbereitungen für den Zweiten Weltkrieg einbinden ließ.

Die Ausbeutung und Vernichtung von Zwangsarbeitern ist untrennbar mit der IG Farben und auch mit dem Höchster Werk verbunden, wo nach offizieller Firmengeschichte rund 8 500 sogenannte Fremdarbeiter eingesetzt waren. Von den Westalliierten wurde die IG Farben als zentrale Stütze des NS-Systems angesehen, die zerschlagen werden musste. Gleichwohl hatten die Amerikaner das Höchster Werksgelände wie auch die IG-Farben-Zentrale im Frankfurter Westend bei ihren Bombardierungen geschont, weil sie Gebäude und Gelände nutzen wollten, schreibt der frühere Hoechst-Archivar Wolfgang Metternich.

Aus eigener Kraft zum Chemie-Riesen

Statt wie ursprünglich geplant eine Vielzahl von Kleinunternehmen wurden 1951/1952 drei große IG Farben-Nachfolger, nämlich Bayer, BASF und Hoechst, in die Selbstständigkeit entlassen. Sie sollten schnell ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt unter Beweis stellen. Der einstmals kleinste IG-Farben-Nachfolger Hoechst entwickelte sich aus eigener Kraft und über Zukäufe in Frankreich und den USA zum Chemie-Riesen und zwischenzeitlich größten Pharmahersteller der Welt. In der Spitze arbeiteten 170.000 Menschen in den diversen Hoechst-Sparten. Schnell nach seinem Amtsantritt als Hoechst-Chef 1994 begann der Volkswirt Jürgen Dormann damit, den über Jahrzehnte gewachsenen und längst nicht mehr so erfolgreichen Gemischtwarenladen in seine Einzelteile zu zerlegen. Unter dem Motto „Entrosten und Entfrosten“ sollte ein hochprofitabler Life-Sciences-Konzern mit den Sparten Pharma und Agrar entstehen.

Die Beerdigung der Hoechst AG fand im Juli 1999 bei der letzten Hauptversammlung statt. Gegen den erbitterten Widerstand von Kleinaktionären drückten die großen Anteilseigner die Fusion mit Rhone-Poulenc durch: Die Gemeinschaftsfirma hieß künftig Aventis, der Hauptsitz wanderte nach Straßburg. Fünf Jahre später übernahm die wesentlich kleinere Sanofi die Führung bei dem Pharmakonzern.

In Höchst organisiert seit 1998 die Dormann-Gründung Infraserv den Betrieb des 460 Hektar großen Industrieparks, der noch rund 50 Hektar freie Fläche für Neuansiedlungen hat. Das Unternehmen liefert Strom, Wärme und Dampf, kümmert sich um die Entsorgung und die Sicherheit.

dpa

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