Altersvorsorge in Gefahr

Anleihekäufe, niedrige Zinsen: Die Folgen der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) können weitreichende Folgen für die Deutschen haben. Nach Ansicht der Commerzbank gerät die Altersvorsorge in Gefahr, Armut droht.

„Die Notwendigkeit der privaten Altersvorsorge wächst dramatisch an“, sagte ihr Chefanlagestratege, Chris-Oliver Schickentanz, im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn.

Die EZB hat massive Anleihekäufe gestartet. Offiziell will sie Deflationsgefahren bekämpfen. Dient das Programm nicht in Wirklichkeit zur Ankurbelung der Konjunktur in Europa?

Es gibt unterschiedliche Motivationslagen, die die EZB umtreiben. Der offizielle Grund, die Bekämpfung der Deflation, ist ein eher untergeordnete Aspekt. Es sind in Wirklichkeit zwei Sachen, die die EZB beabsichtigt. Zum einen die Belebung der Wirtschaft in der EU durch eine Abschwächung des Euros. Zum anderen geht es um eine Rücksichtnahme auf die immer noch hohe Staatsverschuldung. Wir nähern uns ja mittlerweile in vielen Euro-Staaten einer Nettoverschuldung von mehr als 100 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das ist ein Niveau, das der EZB die Sorgenfalten auf die Stirn treibt.

Ist eine solche Politik vom Mandat der EZB gedeckt?

Das glaube ich schon. In den Statuten gibt es zwei Aussagen zu Staatsanleihekäufen. Die erste Aussage, auf die sich Kritiker um Herrn Gauweiler beziehen, ist die, dass die EZB keine Staaten finanzieren darf. Natürlich kann man sagen, der Kauf der Papiere ist eine indirekte Staatenfinanzierung. Es gibt aber noch einen zweiten Passus. Es heißt, wenn der geldpolitische Transmissions-Mechanismus gestört ist, darf die EZB sehr wohl zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen. Und auf diesen Passus bezieht sich EZB-Präsident Mario Draghi. Man kann natürlich darüber diskutieren, was heißt Störung des geldpolitischen Transmissions-Mechanismus. Die ist stets gegeben, wenn die EZB mit ihrem klassischen Latein am Ende ist. Wenn Zinssenkungen nichts mehr bringen. Deshalb kann man Herrn Draghi durchaus Recht geben.

Welche Folge haben die Anleihekäufe für den Bürger in Deutschland?

Wir sind in der Haftungsunion angekommen. Die Bilanz der EZB wird zum neuen Eurobond. Wir haben, bei allen Sicherheitsmechanismen, die die EZB versucht hat einzuziehen, eine Gemeinschaftshaftung aller Euro-Mitgliedsstaaten. Zumindest in dem Moment, in dem ein Land zahlungsunfähig wird. Eine weitere Folge: Die Nullzinsphase geht in die Verlängerung. Eine erste Zinserhöhung der EZB ist nun frühestens zum Jahresende 2017 vorstellbar. In dieser Zeit werden Spar- und Tagesgeld keine auskömmliche Rendite erwirtschaften, um die Substanz der Anlagen zu erhalten.

Weitreichende Folgen für den Bürger.

Eine weitere Folge der EZB-Politik ist, dass die Bevölkerung ins Risiko gedrängt wird. Wer seine Vermögenssubstanz erhalten will, muss vom Sparer zum Anleger werden.

Der Bürger muss also an die Börse gehen.

Er muss in Wertpapiere investieren. Das muss nicht die Aktie sein. Auch wer in festverzinsliche Anleihen investieren will, muss risikoreichere Papiere kaufen. Eine zehnjährige Bundesanleihe wirft noch 0,2 Prozent Rendite ab. Damit kann man keinen Vermögensaufbau gestalten.

Wie soll der Bürger auf die Politik der EZB reagieren?

Wir müssen uns bewusst werden, dass die EZB-Politik Konsequenzen für unser aller Leben hat. Wenn die Bürger verstehen, dass das Tagesgeld und das Sparbuch als Strategie zum Vermögensaufbau wegfallen, dann ist schon viel gewonnen.

Gerät die Altersvorsorge der Deutschen in Gefahr?

Das wird sicherlich ein großes Thema sein. Bei der Altersvorsorge basieren die positiven Aspekte ja vor allem aus den Zinses-Zins-Effekten. Deshalb werden die Versorgungslücken mittelfristig größer. Das heißt: Die Notwendigkeit der privaten Altersvorsorge wächst dramatisch an. Ein weiteres Problem ist, dass die Schere zwischen Arm und Reich wegen dieser Politik weiter auseinandergeht.

Droht als Konsequenz dieser Politik Altersarmut in Deutschland?

Das kann durchaus eine Nebenwirkung dieser Niedrigzinsphase sein. Wenn wir es nicht schaffen, umzusteuern und privat mehr vorsorgen, ist dies sogar sehr wahrscheinlich.

Geldschwemme und Anleihekäufe treiben die Börsen an. Wie lange kann das gut gehen?

Das kann man ehrlicherweise seriös nicht abschätzen. Wir befinden uns nicht mehr in einer Marktentwicklung, die von fundamentalen Bedingungen abhängt. In einer solchen Börsenphase lohnt es sich, auf Sicht zu fahren. Der Anleger sollte von Tag zu Tag denken. Er sollte den Börsen aber auch nicht zu früh den Rücken zukehren. Heißt: in Aktien investiert bleiben, aber bestehende Positionen gut absichern.

Zeigen die Anleihekäufe Wirkung?

Durchaus. Zum einen zeigen sie Wirkung an der Währungsfront. Der schwache Eurokurs ist auf die Ankündigung und Umsetzung der Anleihekäufe zurückzuführen. Das ist ein wesentlicher Faktor, um die Wirtschaft in der Eurozone wieder in Gang zu bekommen. Der schwache Euro ist ein verkapptes Konjunkturprogramm. Darüber hinaus sind die Zinsbelastungen für Länder wie Spanien und Portugal noch weiter zurückgegangen. Die Haushaltskonsolidierung und Krisenentspannung wird somit deutlich einfacher.

Die Anleihekäufe sind also eher für die südeuropäischen Krisenstaaten vorteilhaft. Wie wirken sie sich auf die deutsche Wirtschaft auf?

Die deutsche Wirtschaft bietet einen hervorragenden Nährboden für den schwachen Euro. Vorteilhaft ist auch der niedrige Ölpreis. Beide Faktoren helfen der deutschen Konjunktur auf die Sprünge. Deshalb gehen wir von einer Wachstumsbelebung in diesem Jahr aus.

Die EZB nimmt mit den Käufen Milliarden in ihre Bilanz. Was passiert mit den Papieren?

Ich bin zunächst skeptisch, ob es der EZB überhaupt gelingen wird, Anleihen in dem angestrebten Volumen aufzukaufen. Die liquiden, am Markt handelbaren Anleihen werden bald knapp. Zudem gehen wir davon aus, dass die Anleihen, die die EZB kauft, bis zur Fälligkeit in der Bilanz schlummern und nicht wieder verkauft werden.

Sie sagen, es gibt nicht genug Papiere. Dann könnte das Programm also scheitern?

Momentan findet die EZB noch genügend Mittel. Ich bin aber gespannt, ob das in sieben oder acht Monaten auch noch so ist. Es gab sicherlich Profianleger, die sich mit Anleihen eingedeckt haben, um sie dann an die EZB zu verkaufen. Wenn der spekulative Anteil wegfällt, wird es spannend, ob die EZB jeden Monat den Wert von 60 Milliarden Euro zusammenbekommt. Zudem: Länder wie Deutschland bringen 2015 deutlich weniger Anleihen auf den Markt. Dadurch fehlt auch dieses Angebot. Das kann zu Engpässen führen.

Griechenland-Krise, Strukturprobleme in vielen EU-Ländern: Wann kommt die nächste Krise?

Es gibt auch positive Entwicklungen, zum Beispiel in Irland, Spanien und Portugal. Alle drei Länder haben an Strukturreformen gearbeitet.

In Ländern, in denen etwas getan wird, kommt in drei bis vier Jahren die Wirtschaftsbelebung. Über Ländern wie Italien und Frankreich muss man sich große Sorgen machen. Dort ist der Reformstau enorm. Das könnten die Auslöser für eine neue Krise in der Eurozone werden.

Die EZB hat Griechenland vom Programm der Anleihekäufe ausgeschlossen. Wie kann die griechische Wirtschaft in Gang kommen?

Der Staat hat ein Problem. Es gibt keine effiziente Bürokratie. Beispielsweise fehlt ein vernünftiges Katasterwesen. Deshalb muss man sich auch nicht wundern, dass bei den eingeführten Immobiliensteuern kaum Einnahmen zustande kommen. In den nächsten Jahren ist daher viel Aufbauarbeit zu leisten. Deutschland muss Entwicklungshilfe leisten. Griechenland ist von allen Eurostaaten in der schwierigsten Ausgangssituation. Die industrielle Struktur ist am schwächsten.

Es gibt eigentlich keine Industrie.

So ist es. Es gibt ein bisschen Tourismus. Es gibt ein bisschen Landwirtschaft. Und es gibt ein bisschen Schiffsindustrie. Es gibt keine industrielle Struktur, wie man sie aus den anderen Eurostaaten kennt.

Wie geht es weiter?

Wenn Griechenland sich in den nächsten Wochen nicht mit den Gläubigerstaaten einigt, wird es de facto zu einem Ausschluss aus der Währungsunion kommen. Das wird keine politische Entscheidung sein. Es wird eine Entscheidung sein, bei der die EZB am Drücker ist. Sie akzeptiert keine griechischen Staatsanleihen mehr als Sicherheit. Das Bankensystem wird nur noch über Notfallkredite finanziert. In dem Moment, in dem ein Staatsbankrott absehbar wäre, wäre die EZB gezwungen, auch diese Notfallkredite einzustellen. Dann würde Griechenland ohne Euro-Liquidität dastehen. Das heißt, der Euro wäre noch gesetzliches Zahlungsmittel, die Banknoten würden aber nicht mehr im Land ankommen. Auch dadurch kann man Fakten schaffen.

Rubriklistenbild: © dpa

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