Jahr von historischer Dimension

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Marc Kuhn

Offenbach - Stell' dir vor, es ist Krise, und kaum einer merkt es: Die Finanz- und Wirtschaftsmisere hatte mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Herbst 2008 an Dynamik gewonnen. Voll entfaltet hat sie sich 2009. Von Marc Kuhn

Dennoch: Die Deutschen sind verglichen mit anderen Teilen der Welt auf einer Insel der Seligen. Ein Grund dafür ist die Stabilität am Arbeitsmarkt, die wichtigste Stütze für den Konsum. Die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit wird in der Öffentlichkeit folglich wesentlich weniger wahrgenommen als befürchtet.

Gerüchte über eine Fusion von „manroland“ und Heidelberger Druck machen die Runde.

Die Zahlen sind im laufenden Jahr aber beeindruckend. Zwar behalten die Auguren, die einen Zusammenbruch der Wirtschaft in Deutschland um etwa sechs Prozent voraussagten, nicht recht. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpft aber immerhin um rund fünf Prozent. Der Absturz ist damit erheblich stärker ausgefallen als beim bisher schlimmsten Einbruch 1975 nach der Ölkrise. Die Spätfolgen sind fatal: Erst 2013 wird die deutsche Wirtschaft wieder das Niveau wie vor der Krise erreichen. Die Misere wirkt sich natürlich auch nachhaltig auf den Staat aus. Wegbrechende Steuereinnahmen und Riesenlöcher in den Sozialkassen führen zu einer Rekordverschuldung.

Mit Schuldenexzessen Stein ins Rollen gebracht

Das historische Krisenjahr beutelt kaum eine Branche so sehr wie jene, die die Welt ins Chaos gestürzt hat: den Bankensektor. Mit Schuldenexzessen hatten die Banker den Stein ins Rollen gebracht. Hätten nicht der Staat und die Notenbanken eingegriffen, wäre die deutsche Wirtschaft nicht mehr zahlungsfähig. Eine der entscheidenden Baustellen ist die Hypo Real Estate. Ihre Verstaatlichung ist ein Novum in der deutschen Nachkriegszeit. Die Aktionäre bringt der Zugriff von Vater Staat verständlicherweise auf die Palme. Doch: Gehen bei dem so genannten systemrelevanten Geldhaus die Lichter aus, bricht die Finanzstruktur hierzulande zusammen.

Opel-Mitarbeiter kämpfen vergeblich für die Abkoppelung von General Motors.

Mit historischen Ereignissen drängt auch die Commerzbank 2009 in die Schlagzeilen. Das zweitgrößte deutsche Kreditinstitut macht die Fusion mit der Dresdner Bank perfekt, um sich für den Wettbewerb zu stärken. Zudem übernimmt der Staat im Januar nach einer erneuten Kapitalspritze 25 Prozent plus eine Aktie an der Commerzbank. Der Rettungsfonds Soffin überweist dem Dax-Konzern die unvorstellbare Summe von insgesamt 18,2 Milliarden Euro. Managergehälter werden gekürzt, Dividenden gestrichen - dennoch hadern viele Steuerzahler mit der Spendierfreudigkeit. Passt das Jonglieren mit den Riesenbeträgen doch nicht zu der Sparsamkeit, die Regierungen in Bund, Ländern und Kommunen ihren Bürgern verordnen.

Deutsche Bank mit erstem Verlust seit dem Krieg

Mit noch nie Dagewesenem macht auch die Deutsche Bank von sich reden. Der Branchenprimus steigt bei der Postbank ein und verkündet einen Milliardenverlust - den ersten seit dem Zweiten Weltkrieg. Vorstandschef Josef Ackermann schifft sein Haus indes ohne Hilfe vom Fiskus durch die Krise. Im Laufe des Jahres kann er die Deutsche Bank trotzdem wesentlich besser aufstellen. Das Beispiel der Landesbanken dürfte ihm zeigen, dass es nicht unbedingt hilfreich ist, wenn Politiker in den Vorständen von Unternehmen mitreden - dies ist aber eine Voraussetzung für die Finanzspritzen.

Das neue Logo symbolisiert den Zusammenschluss von Commerzbank und Dresdner Bank.

So sehen viele deutsche Banken langsam Licht am Ende des konjunkturellen Tunnels. Allerdings sind sie weiter unter Druck. „Giftpapiere“ im Wert von etwa 90 Milliarden Euro schlummern noch in ihren Bilanzen. Und die Staaten drängen sie, Konsequenzen aus der Finanzkrise zu ziehen. Die Geldhäuser müssen zum Beispiel ihre Eigenkapitalquoten hochschrauben. Kritiker befürchten deshalb, dass sie schon wieder mit riskanten Geschäften rasch Profit machen wollen. Als Folge der Krise horten die Institute zudem Geld, das ihnen die Europäische Zentralbank zur Verfügung stellt. Dieses brauchen die gebeutelten Unternehmen aber dringend. Mit immer strengeren Regeln prüfen die Banken allerdings deren Finanzierungsbegehren. Folglich macht das Schreckgespenst einer Kreditklemme 2009 in Deutschland die Runde.

Abwrackprämie lässt Pkw-Hersteller aufatmen

Die Regierung versucht nicht nur bei diesem Problem gegenzusteuern. Sie greift auch zu anderen Instrumenten, um die Wirtschaft zu stimulieren. Milliardenschwere Konjunkturpakete bringen der Bund und das Land Hessen auf den Weg. Viele Autofahrer freut es. Sie lassen ihre alten Kisten verschrotten und kaufen mit der Abwrackprämie Neuwagen. Die Pkw-Hersteller atmen wegen der Sonderkonjunktur durch. Massive Umsatzeinbrüche in der Elektro- und Maschinenbaubranche können staatliche Unterstützungsaktionen allerdings nicht verhindern. Die Zulieferer, auch in Stadt und Kreis Offenbach, bekommen den wirtschaftlichen Niedergang stark zu spüren.

Ihr banger Blick geht in diesem Jahr auch immer wieder über den Atlantik. Hängt die Zukunft deutscher Maschinenbauer doch auch von den großen US-Autoproduzenten ab. Und die Insolvenz von General Motors (GM) lässt nicht nur die Opelaner Schlimmes befürchten. Doch in Rüsselsheim, Bochum und Eisenach wie auch im Rest der Republik macht die wirtschaftliche Genesung von GM nachdenklich: Der zweitgrößte Autobauer der Welt durchschreitet das Insolvenzfahren in Rekordzeit, während seine Tochterfirma Opel am Ende des Jahres genauso zittern muss wie zu Beginn - der staatliche Aktionismus läuft ins Leere.

Beispielloses Gezerre um Opel

Die Bundesregierung fängt sich im Fall Opel eine Klatsche ein. Zu früh entscheiden sich die Kanzlerin und ihre Minister für den Zulieferer Magna als künftigen Opel-Besitzer. Aus Angst vor einem Arbeitsplatzabbau steckt Berlin Millionen in den kriselnden Pkw-Bauer. Ein beispielloses Gezerre um Opel und seine Standorte in Europa hält das ganze Jahr über die Regierungen und vor allem die Beschäftigten in Atem.

Am Ende zeigt sich der Verwaltungsrat des Mutterkonzerns in Detroit stur. Mit neuem Selbstbewusstsein verweigert GM Opel nach dem Insolvenzverfahren die Abkoppelung. Mit deutschen Steuergeldern wird das Überleben des Unternehmens gesichert, nun werden tausende Arbeitsplätze abgebaut. Die Bundesregierung hätte es besser wissen müssen: GM braucht Opel. Deshalb war nicht wirklich zu erwarten, dass die Amerikaner ihre Tochter ziehen lassen. Ohne die Technologie aus Rüsselsheim kann GM keine Autos der Zukunft bauen, ohne Opel bleibt den US-Managern der wichtige europäische Markt verschlossen. Ihr Kalkül geht auf. Vielleicht hatte der einstige Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg recht: Eine Insolvenz wäre für Opel und seine Mitarbeiter unter Umständen der bessere Weg gewesen. So geht das große Bangen weiter.

Gerüchte über „manroland“-Fusion sorgen für Unruhe

Ähnlich sind die Befindlichkeiten bei den Beschäftigten von „manroland“ - insbesondere in Offenbach. Seit Jahren sind sie krisenerprobt. Doch 2009 ist wohl eine besondere Belastung. Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab. Hunderte von Jobs werden in Augsburg, Plauen und Offenbach abgebaut. Das Werk in Mainhausen wird geschlossen und ins Offenbacher Hauptwerk integriert. Immer wieder laufen Verhandlungen über Sozialpläne. Die Kurzarbeit wird ausgeweitet. Gewinn- und Auftragseinbrüche machen dem Druckmaschinenhersteller zu schaffen. Mit solchen Fakten schreckt die Geschäftsführung Mitarbeiter und die Gewerkschaft IG Metall immer wieder auf.

Noch schwerer wiegen indes Gerüchte, zu denen sie lange beharrlich jeglichen Kommentar verweigert. Spekulationen über eine Fusion von „manroland“ und seinem Konkurrenten Heidelberger Druck sorgen für viel Unruhe. Letztlich platzt das Zusammengehen der kränkelnden Firmen. Auch das nächste Jahr dürfte für „manroland“ und seine Beschäftigen spannend werden. Schließlich sind die Probleme in der Branche nicht ausgeräumt. Unter Überkapazitäten leidet sie weiter. Auch die Auftragslage gibt keinen Anlass zur Freude. Eine Fusion könnte immer noch ein Ausweg aus der Krise sein. Fragt sich nur, wer wen übernehmen könnte.

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