Keiner orakelt richtig

John Paulson war in seiner langen Karriere als Hedgefonds-Manager oft der lachende Dritte. Sein spektakulärster Coup gelang ihm vor einigen Jahren, als die US-Immobilienblase platze und die weltweite Finanzkrise auslöste. Von Frank Pröse

Paulson hatte damals rechtzeitig auf einen Crash und damit gegen Hunderttausende überschuldete Hausbesitzer gewettet – und Milliarden verdient.

Spätestens seit dieser Spekulation weht dem Wall-Street-Mann ein legendärer Ruf voraus. Finanzmanager und Analysten auf der ganzen Welt beobachten, welche Investitionen Paulson tätigt – und überlegen, was das für ihre eigenen Portfolios bedeuten könnte. Paulsons neueste Aktion dürfte vielen Europäern wenig gefallen: Der Starinvestor spekuliert seit einiger Zeit mit Optionsgeschäften auf sinkende Kurse europäischer Staatsanleihen und kauft zudem Kreditausfallversicherungen (CDS), um sich gegen einen Komplettausfall abzusichern. Die Aktion des Pleite-Orakels sollte die Euro-Retter also ebenso aufhorchen lassen wie die Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF): Die Krise in Europa ist nicht vorüber, sie kann jederzeit wieder eskalieren, heißt es - und der Grund ist eine miserable Prognose für Italien, der drittgrößten Volkswirtschaft in Euroland.

Die Investoren an den Finanzmärkten werden misstrauischer

Das ficht Paulson nicht an. Er hat sich auf Deutschland eingeschossen. Laut „Financial Times“ wettet Paulson insbesondere auf eine schlechtere Bonität Deutschlands, obwohl dessen Bonds bisher sogar mitten in der Krise als sicherer Hafen galten. Der Starinvestor gehe davon aus, dass auch Deutschland immer tiefer in den Strudel der Schuldenkrise gerate, wenn sich die Lage in den nächsten Monaten zuspitze, berichtet die Zeitung. Spanien könne andere Länder mit seinen Problemen anstecken und die Stabilität der Eurozone als Ganzes bedrohen.

Dass die Lage in Spanien brisant ist, lässt sich nicht leugnen. Spaniens Wirtschaft steckt in der Rezession. Der Regierung fehlt es an Einnahmen. Die Investoren an den Finanzmärkten werden misstrauischer. In mehreren Anleiheauktionen musste das Land zuletzt wieder deutlich höhere Zinsen bieten, um an frische Kredite zu kommen. Keiner mag sich mehr festlegen, wie lange das Land ohne Hilfe aushalten kann.

Der Bund kann sich Geld fast zum Nulltarif leihen

Bei deutschen Anleihen ist die Situation allerdings entspannt. Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen liegen auf historisch niedrigem Niveau. Der Bund kann sich Geld fast zum Nulltarif leihen – was ein hohes Vertrauen der Investoren in Deutschland widerspiegelt und den Börsenguru Paulson Lügen straft. Überdies haben die führenden Forschungsinstitute ihre Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft erhöht. In ihrem Frühjahrsgutachten erwarten die Institute für 2012 ein Wachstum von 0,9 Prozent. Das ist zwar nur unwesentlich mehr als die 0,8 Prozent, die zuvor für die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angenommen worden waren. Aber wichtiger ist auch die Tendenz: 2013 dürfte die Wirtschaft weiter an Schwung gewinnen. Da winkt sogar die 2 vorm Komma.

Dieser Optimismus verträgt sich so gar nicht mit der vom Wirtschaftsweisen Lars Feld geäußerten Sorge vor einer dramatischen Rückkehr der Euro-Schuldenkrise - und lässt den Laien schließlich ratlos zurück. Der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler warnt vor noch schlimmeren Turbulenzen als in den vergangenen Jahren. Die aktuellen Entwicklungen an den Finanzmärkten seien die Vorboten für eine Rückkehr der Krise, sagt Feld. Vor allem die Unsicherheit über Ausgang und Folgen der Präsidentenwahl in Frankreich seien groß. Feld erklärte, jetzt zeige sich, „dass die bisherigen Hilfen der EZB nur kurzfristig wirken“. Dabei ist nicht berücksichtigt, dass Frankreich seine Defizitziele verfehlen wird - gleich unter welchem Präsidenten. Das ist schon ein herber Rückschlag für den Euro-Club.

Und noch ein Experte sieht schwarz. Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, sagt, die Staatsschuldenkrise sei in den vergangenen Wochen „nur zugekleistert worden mit billigem Geld der EZB“.

Bei der verworrenen Lage ist nur eines tröstlich: Wirtschaftsinstitute, Wirtschaftsweise und Chefvolkswirte liegen ebenso wie Börsenguru Paulson mit ihren Prognosen nicht selten daneben. Letzterer hat gerade mit seinem Fonds „Advantage Plus“ auf eine rasche Erholung der US-Konjunktur und damit aufs falsche Pferd gesetzt. Der Verlust für ihn und seine Mitstreiter: Sechs Milliarden Dollar. Doch schon mit seiner Eurokrisen-Analyse kann das US-Orakel wieder richtig liegen. Dann wäre es vorbei mit dem Wirtschaftswunderland Deutschland, auf das die führende Institute ja immer noch setzen.

Rubriklistenbild: © Kai Niemeyer / Pixelio.de

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