Kommentar: Eine Illusion wird begraben

Wahington - Eine gute und eine schlechte Nachricht kommt über den großen Teich. Die gute: Die Schulden-Supermacht Amerika beginnt endlich mit dem Sparen. Von Georg Anastasiadis

Die schlechte: Die Konjunkturlokomotive USA, die mit ihrem ungezügelten Konsumhunger die deutsche Exportwirtschaft unter Dampf hielt, wird dramatisch an Tempo verlieren. Der Jubelschrei an den globalen Finanzmärkten über die Einigung im US-Schuldenstreit ist manchem Börsianer gestern im Halse steckengeblieben. Der Dax erlebte gar einen Mini-Crash.

Nimmt man die kleine parteipolitische Münze, so hat die konservative Tea-Party-Bewegung einen großen Sieg über Präsident Obama errungen: Im jetzt geschnürten Billionen-Dollar-Paket steht viel vom Sparen (beim kleinen Mann), aber kein Wort von Steuererhöhungen (für die Reichen). Das ist ein Vorgeschmack auf den Rechtsruck, der dem Land bevorstehen könnte, weil sich die politische Mitte immer mehr enttäuscht von Obama abwendet. Geradezu epochal aber ist der globale Paradigmenwechsel, den die Supermacht einleitet: Nach dem Irrglauben, an jedem Kriegsschauplatz der Welt gleichzeitig siegreich sein zu können, begräbt Washington nun die Illusion, auf ewige Zeit auf Kosten der ganzen Welt konsumieren zu können.

George Bush II und Obama versuchten, als sie sich noch im Besitz staatlicher amerikanischer Allmacht wähnten, das Glück zu erzwingen: Billionen von geborgten Dollars pumpten sie in die schwächelnde Wirtschaft. Die Notenbank Fed gab Flankenschutz, indem sie die Geldpresse anwarf und (allein seit 2009) 2350 Milliarden Dollar druckte. Vergebens: Der „American way of life“, das Bezahlen mit der dritten Kreditkarte, wenn die zweite ausgereizt ist, ist zu Ende. Die US-Ökonomie steht heute am Rande des Abgrunds; morgen, wenn die staatlichen Bremsmanöver greifen, könnte sie schon einen Schritt weiter sein. Dem Schulden-König Uncle Sam geht wie einem Junkie, dem der Stoff ausgeht: Jetzt kommt der Entzug. Und der wird grausam.

Amerika hat seine Macht überdehnt. Dem Rückzug aus dem Abenteuer Afghanistan folgt nun die Flucht aus einem atemberaubenden finanzpolitischen Abenteuer. Unvorstellbare 8500 Milliarden Dollar schuldet der amerikanische Staat heute dem Ausland, vor allem den Chinesen. Wie verwundbar das Mutterland des Kapitalismus damit geworden ist, hat ausgerechnet der kleine Schuldensünder Griechenland die letzte verbliebene Hypermacht gelehrt.

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