Milliarden-Coup mit Kurznachrichten

Kommentar: Daten sollten etwas kosten

Offenbach - Ein Hoch auf die Spekulation. Oder will jemand ernsthaft behaupten, dass ein Unternehmen, das bisher mit 55 Mitarbeitern die Versendung von letztlich kostenlosen Kurzmitteilungen mittels internetfähiger Telefone organisiert, 19 Milliarden Dollar wert ist? Von Frank Pröse

 Ja, mit unseren Daten ist viel Geld zu verdienen; aber soviel, dass sich der Aufkauf des Konkurrenten WhatsApp für Facebook jemals rechnen kann? Vor einem Jahr noch wurde der Kurznachrichtendienst von Börsenexperten lediglich auf eine Milliarde taxiert. Zwischenzeitlich war Google bereit, etwa zehn Milliarden dafür auszugeben. Und jetzt verdoppelt Facebook mal locker das Angebot, um sich mit dem Aufkauf eines Rivalen Vorteile im Kampf um die digitale Vorherrschaft beim Auslesen unser aller Datenspuren im Internet abzusichern? Die Großübernahme stärkt zunächst einmal Facebook, treibt letztlich aber auch die Konzentration der Branche voran hin zum Oligopol mit Google, Apple, Amazon & Co.

Daten sind unzweifelhaft ein Rohstoff fürs Wirtschaften in Gegenwart und Zukunft. Doch ist dieses Geschäftsmodell die fünftgrößte Technologietransaktion der Geschichte oder 42 Dollar je Datensatz wert – zumal Werbung weiter ausgeschlossen bleiben soll? Die Beantwortung dieser Frage fällt schwer, vielleicht auch, weil die vermeintlichen Werte sich nicht anfassen lassen. WhatsApp ist eben kein industriell geprägter Konzern mit zehntausenden von Arbeitsplätzen und einem Umsatz, der nach landläufiger Auffassung eine Einordnung unter den Dollar-Milliardären rechtfertigt. Das Smartphone-Programm wird quasi mit dem Energieversorger RWE, Adidas oder der Commerzbank auf eine Stufe gestellt.

Furcht vor Verlust der Vorherrschaft

Es gibt gute Gründe für das auf Daten basierende Geschäftsmodell von Facebook/WhatsApp. Die gab es aber auch in der Hochphase des Neuen Marktes für die damals hochgelobten Unternehmen, von denen nur wenige heute noch eine Rolle spielen. Das aktuelle Fusionsfieber auf dem Markt der Technologiefirmen erinnert stark an die Phase vor dem Zusammenbruch dieses Spekulationsmarktes.

Doch eventuell heranziehende dunkle Wolken am Börsenhimmel sind nur ein Aspekt des jüngsten Coups von Facebook. Mit dem spektakulären Erwerb von WhatsApp dokumentiert der Platzhirsch seine Furcht vor dem Verlust der Vorherrschaft auf einem sich ständig wandelnden Markt. Mark Zuckerberg hat sich Zeit gekauft, bis entweder ein neuer Rivale gefährlich wird - oder die Lieferanten des Datenschatzes an dessen Vermarktung beteiligt werden wollen. Wie lange wird die vernetzte Gesellschaft noch treudoof zuschauen, wie eine Handvoll Multis mit Daten von Milliarden Menschen Reibach macht? Der Computer-Wissenschaftler Jaron Lanier prognostiziert in seinem Buch „Wem gehört die Zukunft?“, dass ein Vergütungssystem entwickelt wird, welches die Profite des Internets auch an jene verteilt, die mit ihren Daten zum Kapital der digitalen Wirtschaft beitragen. Man wird ja noch spekulieren dürfen.

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