Erneute Chance für Energiekonsens

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Achim Lederle

Die Spritpreise sind auf Rekordniveau, Heizöl ist teuer wie nie, und auch beim Strom kennen die Tarife nur eine Richtung: nach oben. Die Kosten für Energie drohen immer mehr Verbraucher finanziell zu strangulieren.

Jeder von uns zahlt inzwischen Hunderte Euro mehr im Jahr für Energie als noch vor zehn Jahren - Geringverdiener können diesen Kostenanstieg kaum noch stemmen. Um unseren Wohlstand zu sichern, ist ein sinnvolles Wirtschaften mit den endlichen Ressourcen Öl und Gas bei gleichzeitigem massiven Ausbau der regenerativen Energien das Gebot der Stunde. Dies ist jedoch für niemanden zum Nulltarif zu haben. Energie ist und bleibt teuer - und sie wird in Zukunft noch kostbarer. Darauf müssen sich alle einstellen.

Jedoch fühlen sich die Verbraucher zunehmend als alleinige Melkkühe der Nation, und Meldungen wie die von gestern, dass die Energieversorger drei Milliarden Euro beim Strom zu viel kassiert haben, untermauern dieses Gefühl. Tatsächlich hat die Energieindustrie ein massives Glaubwürdigkeitsproblem: „Die Lichter in Deutschland gehen aus“ war unisono der Kommentar der Energieriesen, als die Bundesregierung 2011 den Atomausstieg beschloss. Heute ist klar: Das Abschalten der Kernkraftwerke hat nicht zu den befürchteten Preissteigerungen geführt. Laut dem Energieexperten Gunnar Harms fielen die Preise im Stromeinkauf trotz Akw-Abschaltungen um bis zu 20 Prozent. Diese Einsparungen wurden aber vor allen an Industriekunden und nicht an Haushaltskunden weitergegeben.

Eine Prognose des Umweltbundesamts vom März 2011 (!) hat sich dagegen bewahrheitet: Deutschland brauche keinen Strom aus dem Ausland importieren, wenn hier Akws vom Netz gingen, hieß es damals. Auf bis zu neun Kernkraftwerke könne sofort verzichtet werden, ohne etwas davon zu merken. Acht Atomanlagen sind heute abgeschaltet - die „Lichter“ sind weiter an, gleichzeitig sprudeln die Gewinne der Energieriesen.

Es ist allerdings kurzsichtig, bei der Diskussion über Energiekosten nur mit dem Finger auf die „bösen“ Stromkonzerne zu zeigen. Wichtig ist der Schulterschluss und ein gemeinsamer guter Willen. Gefragt ist deshalb vor allem die Politik. Sie muss um des sozialen Friedens willen ernsthaft darüber nachdenken, Geringverdiener über Steuervergünstigungen bei den Energiekosten zu entlasten. Gleichzeitig muss die Industrie mehr in die Pflicht genommen werden: Eine umfassende Kostenbefreiung der Firmen bei Netzentgelten oder Förderung erneuerbarer Energien - wie zur Zeit praktiziert - ist unsozial. Niemand kann seriös erklären, warum Verbraucher 26 Cent je Kilowattstunde Strom bezahlen sollen, Firmen jedoch nur zehn Cent.

Nur wenn es Lösungen gibt, die alle tragen und die niemandem das Gefühl geben, abgezockt zu werden, kann die Energiewende im breiten Konsens gelingen. Der Energiegipfel am Dienstag im Bundeskanzleramt bietet eine neue Chance dazu.

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