"Verzweiflungstat": Börsenwetten-Verbot kritisiert

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Berlin - Das von Deutschland im Alleingang beschlossene Verbot riskanter Börsenwetten hat die Finanzmärkte weltweit verunsichert. Analysten kritisierten das Vorgehen als "Verzweiflungstat".

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Riskante Leerverkäufe verboten

Der Euro rutschte wieder unter 1,22 US-Dollar und war so schwach wie seit vier Jahren nicht mehr. Bankhäuser kritisierten die deutsche Entscheidung als Verzweiflungstat. Damit wolle die Politik von den dramatischen Schuldenproblemen in der Euro-Zone ablenken. Europa spreche immer noch nicht mit einer Stimme.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verteidigte den drastischen Schritt. “In den Bereichen, in denen ein nationaler Alleingang Deutschlands keinen Schaden hervorruft, werden wir auch im nationalen Alleingang handeln“, sagte sie am Mittwoch im Bundestag.

Das Verbot “ungedeckter Leerverkäufe“ bleibe solange in Kraft, bis auf europäischer Ebene anderweitige Vorgaben erreicht seien, betonte Merkel. Laut Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) gilt die Regelung zunächst bis zum 31. März 2011.

Die Wirtschaftskrise in Bildern

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Die Behörde hatte auf Anweisung der Regierung zum Mittwoch “ungedeckte Leerverkäufe“ in Aktien von zehn deutschen Finanzkonzernen sowie in Staatsanleihen aus Euro-Ländern verboten. Auch der Handel mit bestimmten Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps/CDS) auf Anleihen der Euro-Zone wurde untersagt.

Die Sorgen der Finanzwelt um noch härtere Auflagen der Politik drückten den deutschen Aktienmarkt ins Minus. Der Dax verlor am Vormittag 2,5 Prozent auf rund 6000 Punkte. Deutschland will nun auch eine Finanztransaktionssteuer international durchsetzen.

Kritik an BaFin-Entscheidung

Marktteilnehmer zeigten wenig Verständnis für die BaFin- Entscheidung. Diese gleich einem Verzweiflungsakt, erklärte das Frankfurter Bankhaus Metzler.

“Erschwerend kommt hinzu, dass Europa nach wie vor nicht mit einer Stimme spricht, wie der deutsche Alleingang zeigt“, sagte Metzler- Experte Özgür. “Dies führt letztlich dazu, dass Investoren verunsichert werden und finanzielle Mittel aus dem Euroraum abziehen.“

Auch die Commerzbank, wo der Staat Großaktionär ist, übte Kritik. Die Schuldenkrise in Europa könnte sich weiter verschlimmern: “Die jüngste Zuspitzung der Schuldenkrise ist nicht auf Spekulanten, sondern vielmehr auf eine durchaus rationale Zurückhaltung bei Investoren und Banken zurückzuführen.“ Die Politik laufe Gefahr, den Eindruck zu erwecken, man wolle den Markt in eine Richtung zwingen.

Der Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB) applaudierte der Regierung. Oberste Priorität habe die Stabilität des Finanzmarktes. “Auch wenn nationale Maßnahmen dabei nur eine beschränkte Wirkung entfalten können, finde ich es richtig, dass Deutschland hier in der Europäischen Union eine Vorreiterrolle einnimmt“, sagte VÖB-Hauptgeschäftsführer Karl-Heinz Boos.

Was passiert bei "Leerverkäufen"?

Bei “Leerverkäufen“ verkaufen Anleger, die auf fallende Kurse setzen, Titel von vornherein mit der Absicht, sie später zu einem niedrigeren Kurs zurückzukaufen und so Gewinne einzustreichen. Bei “gedeckten Leerverkäufen“ leihen sich Investoren die zu verkaufenden Aktien. Bei “ungedeckten Leerverkäufen“ decken sie sich nicht mit Aktien ein, sondern verkaufen Aktien, ohne sie ausgeliehen zu haben. Solche “ungedeckten Leerverkäufe“ können Kurse besonders heftig ins Wanken bringen.

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Herbst 2008 hatten mehrere Aufsichtsbehörden weltweit zeitweise “ungedeckte Leerverkäufe“ untersagt. In Deutschland waren diese nach einem eineinhalbjährigen Verbot erst Anfang Februar wieder erlaubt worden.

dpa

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