Leiharbeit in Region am Pranger

Offenbach - Die Gewerkschaften in der Region laufen Sturm gegen eine verstärkte Zunahme von Leiharbeitsplätzen. „Der Beschäftigungsaufbau nach der Krise hat in Leiharbeit und befristeter Beschäftigung stattgefunden und ist damit prekär“, sagte der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Südosthessen, Frank Herrmann, unserer Zeitung. Von Marc Kuhn

Diese Entwicklung gebe es auf Bundesebene wie auch in der Region. „Das ist überall gleich.“

Auch im IG-Metall-Bezirk Frankfurt, zuständig für Hessen, Thüringen, Rheinland-Pfalz und das Saarland, werden freie Stellen zunehmend mit Leiharbeitern statt mit Festangestellten besetzt. „An einigen Stellen ist das heftig“, sagte die neue erste Bevollmächtigte der IG Metall Offenbach, Marita Weber, weiter. Im Dezember seien in Metallbetrieben der Region mit Betriebsräten etwa 800 Leiharbeiter beschäftigt gewesen, erklärte sie. Teils würden sie eingesetzt, um die Stammbelegschaften zu verkleinern. Teils würden mit ihnen aber auch Produktionsspitzen abgefangen, die könnten zwei bis drei Jahre dauern, merkte Weber kritisch an. Sie zeigt wenig Verständnis für das arbeitsmarktpolitische Instrument der Leiharbeit. Stattdessen verweist Weber auf die Möglichkeit, befristete Verträge bis zu 2 Jahren mit entsprechender Vergütung abzuschließen. „Die Leiharbeit sollte eine Ausnahme sein, ist sie aber nicht.“

Arbeitgeber sprechen von Beschäftigungsmotor

Die Arbeitgeber betrachten Leiharbeit erwartungsgemäß nicht als Problem. „Ich sehe das als Beschäftigungsmotor“, sagte Hans-Joachim Jungbluth, Geschäftsführer der Bezirksgruppe Offenbach-Hanau von Hessen Metall. Sie sei der Einstieg in ein festes Arbeitsverhältnis. Unternehmen, die zurzeit noch nicht wüssten, wie sich die Konjunktur weiter entwickele, würden auf Leiharbeit setzen.

Der DGB-Chef für Südosthessen, Herrmann, erklärte, „20 Prozent und weniger“ der Leiharbeiter würden in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen. „Es gibt keinen großen Klebeeffekt.“ Herrmann fügte hinzu: „Es gibt einen Drehtüreffekt.“ Zur Begründung sagte er, weniger als ein Drittel der Leiharbeitsverhältnisse dauere länger als drei Monate.

Herrmann berichtete von Spannungen in Betrieben in der Region wegen der unterschiedlichen Bezahlung von Stammbelegschaften und Leiharbeitern. Sie würden sich als Mitarbeiter erster und zweiter Klasse empfinden. „Die Leute machen die gleiche Arbeit“, sagte Herrmann. Im Main-Kinzig-Kreis gebe es ein Unternehmen, das etwa 200 Kündigungen ausgesprochen habe. Einige Betroffene würden als Leiharbeiter in die Firma zurückkehren, mit einem Drittel weniger Einkommen, erläuterte Herrmann.

Immer mehr Leiharbeitskräfte auf Hartz IV angewiesen

Leiharbeiter verdienen in Deutschland im Schnitt 40 bis 50 Prozent weniger als die Stammbelegschaften. Das dürfte eigentlich nicht sein, denn der Rechtsgrundsatz des „Equal Pay“ ist schon heute im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz verankert. Diese Maxime greift aber nur, wenn für die Leiharbeiter kein eigener Tarifvertrag gilt.

So läuft das Lohndumping aber in der Praxis ab: Die Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften hat mit der Zeitarbeitsbranche eigene Tarifverträge mit bescheidenen Löhnen abgeschlossen - der DGB spricht von „Gefälligkeits-Verträgen“. Die Folge: Das Lohnniveau in der Leiharbeitsbranche wurde gedrückt. Der DGB beklagt seit langem, dass Leiharbeit längst nicht mehr nur genutzt wird, um betriebliche Auftragsspitzen abzufangen, sondern mehr und mehr auch, um die höheren Tariflöhne in den Einsatzbetrieben zu unterhöhlen.

Eine DGB-Studie weist zudem drauf hin, dass trotz konjunktureller Belebung immer mehr Leiharbeitskräfte auf Hartz IV angewiesen sind. Von Mitte 2009 bis Mitte 2010 habe sich die Zahl der Betroffenen rasant um rund 35 000 beziehungsweise 60 Prozent erhöht. Bundesweit verdienen 10,5 Prozent aller vollzeitbeschäftigten Leiharbeiter weniger als 1000 Euro brutto im Monat.

Rubriklistenbild: © dpa

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