Nachhaltigkeit in Region angestrebt

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Rudolf Dombrink von den Rodgauer Baustoffwerken, Olaf Mayer, Inhaber der Luft- und Umwelttechnik GmbH, der Chef von Holzland Becker, Frank Becker, und der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Dreieich, Stephan Schader (von links nach rechts) sprechen über nachhaltiges Wirtschaften.

Offenbach ‐ Nachhaltigkeit hat nicht nur eine ökologische Komponente. Auch ökonomische und soziale Aspekte spielen eine Rolle. Welchen Stellenwert hat Nachhaltigkeit für Unternehmen?

Unter anderem darüber sprachen Rudolf Dombrink, Chef der Rodgauer Baustoffwerke, Olaf Mayer, Inhaber der Luft- und Umwelttechnik GmbH in Offenbach, der Geschäftsführer von Holzland Becker in Obertshausen, Frank Becker, und der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Dreieich, Stephan Schader, mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn in der Industrie- und Handelskammer Offenbach.

Nachhaltigkeit - der Begriff ist in aller Munde. Was bedeutet er Ihrer Meinung nach?

Dombrink: Für uns heißt das, ökologisch wertvolle Produkte anzubieten. Das gilt auch für die Art und Weise, wie wir die Produkte herstellen. Nachhaltigkeit unter wirtschaftlichem Aspekt heißt natürlich auch, dass wir als Unternehmen langfristig am Markt sein wollen. Das kann man nur, wenn man sich an die Vorschriften hält. Das kann man nur, wenn man die Prozesse im Unternehmen so organisiert, dass man langfristig erfolgreich ist. In Krisenzeiten ist zudem die soziale Nachhaltigkeit ein Thema. Wir haben insgesamt, mit Nebenstandorten, 120 Mitarbeiter. Das ist nicht weniger als vor zehn Jahren. Wir haben Industriearbeitsplätze dort, wo die Menschen leben. Ich denke, dass ist auch ein Aspekt, der beim Thema Nachhaltigkeit erwähnt werden sollte.

Mayer: Die Nachhaltigkeit kommt ja ursprünglich aus dem Umweltgedanken. Deshalb gehören Nachhaltigkeit und Umweltschutz für mich ursächlich zusammen. Auch bezogen auf das wirtschaftliche Handeln wissen wir nicht erst seit der Wirtschaftskrise, wie wichtig Nachhaltigkeit ist.

Sind Nachhaltigkeit und Umwelt in Zeiten der Wirtschaftskrise überhaupt Themen für Betriebe?

Becker: Sein Unternehmen nachhaltig auszurichten, heißt nicht zwingend, dass man nicht mehr konkurrenzfähig ist. Wir beschäftigen uns wegen unseres Werkstoffes Holz schon lange mit dem Thema Nachhaltigkeit. Unsere Produkte werden aus nachwachsenden Rohstoffen produziert. Das Thema ist für uns ein Heimspiel. Für uns heißt Nachhaltigkeit auch das Ausrichten der Prozesse und Investitionen auf ökologische Gesichtspunkte. Deshalb investieren wir, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Wir bauen gerade eine Photovoltaikanlage, die 75 Haushalte mit Strom versorgt und jährlich 150 Tonnen CO2 einspart und sind in der Planung für ein Biomasse-Heizkraftwerk. Beim Holzeinkauf achten wir darauf, dass viel Ware aus der Region kommt. Damit werden die Transportwege kürzer. Und wir versuchen, die Prozesse im Betrieb dauernd zu optimieren - das ist eine Kärrnerarbeit. Die Lkw werden laufend erneuert. Zudem versuchen wir, mit Tourenplanungs- und Telematiksystemen die Kundenanlieferungen zu optimieren. Es ist besser, wenn wir sie nur einmal statt mehrmals in der Woche anfahren. Damit wird der CO2-Ausstoß verringert. Darüber hinaus bauen wir gerade ein neues Lager. Bisher hatten wir mehrere Außenlager. Damit sparen wir Transportwege ein.

Schader: Ich wage mal die These, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise gezeigt hat, dass gerade ökonomische Nachhaltigkeit, ein Wirtschaften, das den Bestand des Systems sichern soll, in den Mittelpunkt gerückt werden muss. Wenn wir diesen Aspekt in den Vordergrund gestellt hätten, dann hätten wir einige Probleme heute nicht. Die Volks- und Raiffeisenbanken müssen per se wegen ihrer Geschäftspolitik die Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellen. Deshalb ist es unser Anliegen, Nachhaltigkeit in der Region zu erzeugen. Wir nehmen die regionale Verantwortung wahr. So hat die Volksbank Dreieich ein Kreditwachstum von 6,5 Prozent. Das ist genau das Gegenteil einer Kreditklemme. Wir waren auch für die Anleger ein Hort der Sicherheit. Entsprechend haben wir ein Wachstum von zehn Prozent bei den Einlagen. Wenn man aber nur an die ökonomische Nachhaltigkeit denkt, ist das zu kurz gesprungen. Deshalb denkt die Volksbank Dreieich auch an die ökologische Nachhaltigkeit. Wir haben mittlerweile drei Solaranlagen auf unseren Dächern, betreiben mit der Stadt Langen, der Sparkasse Langen-Seligenstadt und den Stadtwerken ein Energienetzwerk und gründen gerade eine Bürger-Energiegenossenschaft für die Region Dietzenbach, Dreieich, Egelsbach, Langen und Neu-Isenburg.

Aus Sicht des Bankers: Welche Entwicklungen haben in die Krise geführt und stehen nachhaltigem Wirtschaften entgegen?

Schader: Wenn wirtschaftliches Handeln ausschließlich auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, sind Verwerfungen die Folge. Wenn man wirtschaftliches Tun auf Langfristigkeit, auf Nachhaltigkeit ausrichtet, glaube ich, dass es diese Verwerfungen nicht gibt.

Herr Mayer, wie setzen Sie nachhaltiges Wirtschaften um?

Mayer: Ganz klar gehört dazu die Sicherung meines Unternehmens auch in schwierigen Zeiten. Damit auch langfristig die Mitarbeiter einen sicheren Arbeitsplatz haben. Zudem sind wir als Umweltdienstleister ganz nah an den ökologischen Themen dran. Wir setzen sie mit unseren Kunden um. Gerade bei der Energierückgewinnung bei Anlagen zur industriellen Entstaubungstechnik fließen ökologische Aspekte mehr und mehr ein.

Ist die Sensibilität bei Unternehmern gewachsen?

Mayer: Ja. Meine Kundschaft ist das produzierende Gewerbe. In diesem Industriebereich ist der Wille zur Energieeinsparung auf alle Fälle deutlich gestiegen.

Herr Dombrink, nutzen Sie Ökostrom oder haben Sie Ihre Gebäude energetisch saniert?

Dombrink: Wir haben vor drei Jahren eine komplett neue Fabrik in Betrieb genommen. Damit haben wir die alte stinkende und dampfende Fabrik ersetzt. Wir brauchen für die Produktion immer noch Energie. Das lässt sich nicht vermeiden. In dem Verwaltungs- und Sozialgebäude haben wir keinen Energieverbrauch. Da nutzen wir die Abwärme, Wärmetauscher. Wir haben unseren Energieverbrauch bezogen auf die Produktionseinheit in den letzten zehn Jahren halbiert. Das entspricht mehr als 15 Millionen Kilowattstunden pro Jahr Einsparung. Zudem sind wir bemüht, den Produktionsprozess weiter zu entwickeln und zu optimieren.

Herr Becker, wo sehen Sie bei den Firmen Defizite beim Thema nachhaltiges Wirtschaften?

Becker: Es tut mir immer weh, wenn ich sehe, dass man nach Pisa oder Glasgow für 19 Euro fliegen kann. Ich denke die Flugbranche hat noch einiges aufzuholen. Aber auch in unserer Branche haben wir einige Marktbegleiter, die sich des Themas nicht ernsthaft annehmen. Wobei das für uns positiv ist. Diese Marktbegleiter wird es irgendwann nicht mehr geben. Wenn man etwas für die Umwelt tut, bei den Prozessen, bei den Einkäufen, ist das gut. Langfristig wirkt sich das positiv auf das Ergebnis eines Unternehmens aus. Die Unternehmer, die hier am Tisch sitzen, denken in Generationen, nicht in Quartalsberichten. Unsere Photovoltaikanlage und unser Biomasse-Heizkraftwerk amortisieren sich erst in Jahrzehnten. Ich möchte die Firma mal an meine Kinder übergeben. Das ist ein Grund, um solche Investitionen anzugehen.

Wir werden übrigens auch häufig von Umweltorganisationen besucht. Das sind unsere Sparringspartner. Wir diskutieren ganz offen über neue Produkte. Wir haben die Umweltschützer vor zwei Jahren ins Boot geholt. Am Anfang haben sie gedacht, wir meinen das nicht ernst. Nachdem die ersten sinnvollen Vorschläge umgesetzt wurden, war das Eis gebrochen.

Schader: Defizite gibt es durchaus. Für mich war erschütternd, dass nach einer kurzfristig aufgeflammten Nachhaltigkeits-Diskussion in unserer Branche die kurzfristige Gewinnmaximierung wieder Fuß gefasst hat. Heute herrschen fast wieder die Zustände, die wir 2008 zur Hochzeit der Finanzkrise hatten. Wir als Volksbank Dreieich investieren massiv in die Aufklärung unserer Kunden. Viele Wettbewerber in der Branche tun das nicht.

Herr Mayer, in wieweit belasten Umweltauflagen die Firmen?

Mayer: Das sind zusätzliche Investitionen. Das sind zusätzliche Betriebsausgaben. Der Umweltschutz kennt keine Grenzen. Wir haben aber einen internationalen Wettbewerb. Die Rahmenbedingungen sind in den Ländern recht unterschiedlich. Das führt zu einer Wettbewerbsverzerrung. Wir brauchen in Europa und darüber hinaus einheitliche Standards, die auch eingehalten werden.

Herr Dombrink, der BEgriff der Nachhaltigkeit kommt in fast jeder Sonntagsreden von Politikern vor. Bietet der Staat auch genügend Anreize, damit sich Unternehmer engagieren?

Dombrink: Die Photovoltaik anlagen werden ja beispielsweise gefördert. Auch mit versteckten Subventionen. Aber: Einem Durchschnittsverdiener fällt es heute schon schwer, seine Familie zu ernähren. Zusätzliche Steuern über die Stromrechnung sind dann schon eine Belastung.

Also, der Staat gibt Anreize. Wir als Unternehmen sind aber nicht darauf angewiesen, weil sie in der Regel zu spät kommen. Und weil sie mit einem erheblichen Kontrollaufwand verbunden sind.

Becker: Ich bin immer der Ansicht, der Staat sollte sich aus möglichst vielen Sachen heraus halten. Er sollte versuchen, den Haushalt nicht so aufzublähen. Das heißt, weniger Subventionen, niedrige Steuern. Das würde uns schon reichen.

Herr Schader, soziale Nachhaltigkeit: Was tun Sie, um den Begriff mit Leben zu erfüllen?

Schader: Der Mitarbeiter steht bei einem Dienstleistungsunternehmen wie der Volksbank im Mittelpunkt des unternehmerischen Handelns. Wir haben die Ausbildungsquote seit 2007 verdoppelt. Wir wollen jungen Menschen in der Region die Chance geben, in Lohn und Brot zu kommen. Damit haben wir nachhaltig die Gesellschaft unterstützt. Auf der anderen Seite haben wir das Wachstum des Unternehmens unterstützt. Darüber hinaus kümmern wir uns intensiv um die Gesundheit unserer Mitarbeiter. Wir bieten Kurse an.

Dombrink: Ausbildung ist für uns auch ein wichtiger Punkt. Ein wesentlicher Aspekt ist auch, dass die Mitarbeiter das Gefühl haben, dass sie sichere Arbeitsplätze haben. Die Baustoffbranche ist seit zehn Jahren krisengeschüttelt. Dennoch haben unsere Mitarbeiter dieses Gefühl. Das geht nur, wenn man entsprechend wirtschaftet.

Mayer: Weiterbildung gehört für mich auch zur sozialen Nachhaltigkeit. Da tun wir schon einiges.

Becker: Wir haben in diesem Jahr 18 Vollzeitarbeitsplätze geschaffen. Mit dem Neubau kommen in den nächsten zwei bis drei Jahren noch mal zirka 30 Arbeitsplätze dazu. Zurzeit haben wir knapp unter 100 Mitarbeitern. Wir legen auch einen Schwerpunkt auf die Ausbildung. Bei uns hat jeder Azubi die Zusage, dass er, wenn er keine Löffel klaut, übernommen wird. Wir arbeiten auch mit schwer vermittelbaren Jugendlichen zusammen.

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