Lebensversicherungen auf dem Prüfstand

Niedrigzins belastet Altersvorsorge

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Dreieich/Neu-Isenburg - Die Lebensversicherungen sind wegen niedrigen Zinsen immer unattraktiver für die Altersvorsorge geworden. Worauf Anleger achten sollten, sagen Experten.

Die beliebteste Anlage der Deutschen kommt auf den Prüfstand, etwa 29 Prozent des Gesamtvermögens steckt in Lebensversicherungen. Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft existieren mehr Policen als Einwohner in Deutschland. Das kann den sicherheitsliebenden Deutschen teuer zu stehen kommen, wie die Finanzexperten Guido vom Schemm und Frank Haser erklären. Immer mehr Lebensversicherer seien von der anhaltenden Niedrigzinsphase bedroht. Wie prekär die Lage sei, zeigten die Senkungen des Garantiezinses in den vergangenen zehn Jahren. Ab 2015 beträgt der Garantiezins für neu abgeschlossene Lebensversicherungen nur noch 1,25 Prozent. 1995 lag dieser noch bei 4 Prozent. Auch die üppigen Überschussrenditen würden dahinschmelzen, sagen die Experten. Die durchschnittliche Überschussbeteiligung der deutschen Versicherer werde 2015 nur bei 3,19 Prozent liegen, nach 3,37 Prozent im vergangenen Jahr und 3,58 Prozent in 2013.

Die Vermögensverwalter meinen, dass ein Ende des Abwärtstrends nicht in Sicht sei. „Viele große deutsche Versicherungen können aktuell zwar noch weitestgehend ihre laufenden Verzinsungen aufrecht erhalten, da ihre Deckungsstöcke fast ausschließlich in den Jahren hoher Zinsen in langlaufende Anleihen investiert wurden“, berichtet Haser von der gleichnamigen Vermögensverwaltung aus Neu-Isenburg. „Diese Anlagen werden nun allerdings in den nächsten Jahren Zug um Zug fällig und müssen neu investiert werden.“ Die Versicherer seien gezwungen, zu derzeitigen Niedrigzinsen zu investieren. „Führt man sich vor Augen, dass Versicherungen etwa zu 90 Prozent in Anleihen investieren, tut sich hier großes Gefahrenpotenzial auf“, erläutert vom Schemm von der GVS Financial Solutions GmbH aus Dreieich. „Denn um den Garantiezins zu erwirtschaften, müssen zunehmend Laufzeit- und Bonitätsrisiken in Kauf genommen werden.“ Eine 30-jährige Bundesanleihe erziele derzeit eine Rendite von 1,43 Prozent pro Jahr und würde die Zahlung des Garantiezinses auffangen. Hinzu komme ein beträchtliches Kursrisiko bei steigenden Zinsen. „So wie Policen vom früher hohen Zinsniveau profitieren, dreht sich der Spieß um und wird in den nächsten Jahrzehnten zum Bumerang“, erklärt vom Schemm.

Auswirkungen auf die Zahlungsfähigkeit

Welche Auswirkungen Niedrigzinsen auf die Zahlungsfähigkeit der Versicherungsunternehmen hätten, zeige der jüngste Stresstest der europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen „EIOPA“. Im Ernstfall könne jede vierte Versicherung in Europa ins Wackeln kommen. Besonders in Deutschland und Österreich seien diese durch ihre hohen Garantiezusagen, die es in anderen europäischen Ländern so nicht gebe, gefährdet. „In der Schweiz kam es in diesem Tagen zum ersten Opfer in der Lebensversicherungsbranche, die unter der anhaltenden Last der Niedrigzinsen zusammengebrochen ist“, warnt Haser. „Und auch im deutschen Markt könnten kleinere Anbieter Probleme bekommen, wenn der Gesetzgeber keine Rücksicht auf ihre Interessen nimmt.“ Gegenmaßnahmen würden bereits ergriffen, doch diese gingen zu Lasten der Versicherten. Statt Kursgewinne aus Anleihen an die Versicherten auszuschütten, würden Bewertungsreserven von Altversicherungen gestrichen und fließen zur Sicherung des Fortbestandes in die Stärkung der Eigenmittel der Versicherungen.

„Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklungen ist es für junge Menschen jedoch wichtiger denn je, privat für das Alter vorzusorgen“, erklärt vom Schemm. „Wenn es eine Lebensversicherung sein muss, sollte statt einer klassischen Lebensversicherung eine fondsgebundene präferiert werden.“ Aktien- oder Fondssparpläne seien für die Altersvorsorge besonders geeignet. Im nächsten Teil der Serie werden die Finanzexperten einen Ausblick auf das Jahr 2015 geben.

ku

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