Mein Leben als Boss bei BMW

Wie kommt ein angehender Landwirt aus Egelsbach auf den Chefsessels der Offenbacher BMW-Niederlassung? Ganz einfach. Von Michael Eschenauer

Er schreibt in der Schule einen guten Bericht über ein vorangegangenes Berufspraktikum und bekommt als Belohnung die Chance, bei der Aktion „Schüler als Bosse“ einen Tag lang zuzusehen, was ein „Boss“ eigentlich so treibt. In unserem Fall handelt es sich bei dem Schüler um den 14-jährigen Mathias Fink aus Egelsbach. Sein „Boss für einen Tag“ ist Rudolf Bühl (53), Leiter des BMW-Hauses am Spessartring.

Eigentlich will ich gar kein Boss werden. Das bedeutet viel Stress und Arbeit“, gibt Mathias zwischen blinkenden Karossen zu Protokoll. Seine Familie betreibt einen Bauernhof. Und den will der blonde Junge von der Adolf-Reichwein-Schule in Langen übernehmen. Also wartet auch auf ihn eine Zukunft, in der er selbstständig führen und organisieren muss. Der Hauptschüler schätzt das Einkommen Bühls auf „so zwischen 3000 und 4000 Euro im Monat“. Brutto versteht sich. Was der BMW-Manager dafür bringen müsse, sei „sehr viel Verantwortung und viel Büroarbeit übernehmen“.

Bühl ist ein freundlicher, lockerer Mann. Er macht seinem jungen Begleiter nichts vor. „Unter zehn Stunden ist bei mir nichts drin“, quantifiziert er seinen Arbeitstag. Mathias kann das nicht schocken: „In der Landwirtschaft sind es viel mehr Stunden.“ Von 10 bis 17 Uhr blickte der T-Shirt-Träger dem Mann im eleganten Sommeranzug über die Schultern. Am Ende wird Bühl folgendes sagen: „Der Junge wurde allmählich viel lockerer und offener. Jugendliche sollten viel öfter ins Arbeitsleben schnuppern. Entweder durch Ferienjobs oder durch solche Aktionen. Da kommen sie mal aus ihrer behüteten Häuslichkeit hinaus in die reale Welt.“ Das helfe gegen Vorurteile. Mathias sei zum Beispiel völlig platt gewesen, dass jemand wie er, Bühl, „mit dem 7er BMW bei McDonalds vorfährt und am Tresen mit ihm zusammen zwei Big Macs vertilgt“.

Allerdings gibt es auch Arbeit. „Vier hässliche Ordner“ mit der Post, den Rechnungen und anderem Papierkram müssen die beiden durcharbeiten. 40 Prozent der Tagesarbeit macht dies bei Bühl aus. Außerdem muss er mit der Werkstatt besprechen, bei welchen Fahrzeugen die Reparatur bis zum Abend abgeschlossen werden kann und bei welchen nicht. Der Schrotthändler will wissen, welche Wagen die Abwrackprämie auf den Hof gespült hat und wann er die abholen kann. „Das muss genau geplant werden, denn die müssen auf den Transporter passen“, sagt Bühl. Ab und zu schneit ein Autoverkäufer ins Chefzimmer und klärt ab, welche Konditionen er einem wartenden Kunden einräumen darf. Und dann folgt das Einstellungsgespräch mit einem neuen Mechaniker. Danach wird mit Mathias die Ausstattung der neuen X1-Vorführmodelle durchgesprochen, für die die Bestellung raus muss. Er darf mitentscheiden über Lackierung und Polsterfarbe. „Ach ja, und ein paar Autos müssen wir auch noch verkaufen“, scherzt der Chef. Das können Bühl und sein Team ziemlich gut: 750 Neuwagen gehen pro Jahr bei BMW-Offenbach „über den Tresen“.

Was der Auto-Mann seinem jungen Gefährten an diesem Tag zu verdeutlichen sucht, umschreibt er mit folgenden Worten: „Du hast als Boss eine Vorbildfunktion. Du kannst dich nicht zurücklehnen und raushalten, du bist Teil des Betriebs und musst dich auskennen.“ Früher sei das Automobilgeschäft ein Selbstläufer gewesen. „Man kam morgens rein und wartete ab, was passiert. Wir hatten einen Verkäufermarkt, heute ist es ein Käufermarkt.“ Der Käufer sitze am längeren Hebel und müsse umworben werden. „Heute musst Du viel mehr Aufwand betreiben, um das gleiche Ergebnis zu erzielen wie früher“, sagt Bühl. Auch dies lernt Mathias von dem „Boss“ über 90 Mitarbeiter: Die jungen Leute sollten „sich mehr anbieten“. „Ich vermisse öfter das Engagement der Auszubildenden.“ Immerhin gehe es ja darum, den Arbeitgeber zu überzeugen, dass es sich lohnt, einem einen Job anzubieten. Doch davon seien viele weit entfernt. „Es lassen sich zu viele treiben, ja man hat das Gefühl, dass manche nur die Zeit rumbringen möchten.“

In Mathias‘ Freundeskreis ist die Jobsuche noch kein Thema. „Wir sprechen nicht über Berufswünsche“, sagt er. Auch in der Schule sei die Berufswahl kaum berührt worden. „Na ja, wir haben uns in diesem Alter auch eher fürs Mofa-Tuning und für Mädchen interessiert“, sagt Bühl altersweise. Trotzdem: Die Jugend wähne sich beim Thema Jobsuche in einer „falschen Sicherheit“. Es sei - anders als früher - notwendig, sich zeitig zu orientieren, festzulegen und zu bewerben.

Was Mathias von seinem Tag als Boss in Erinnerung bleibt, dürfte den BMW-Konzern freuen. „Es war erstaunlich und es hat mir gut gefallen, wie glücklich die Leute gucken, wenn sie ihr neues Auto abgeholt haben.

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