Kommentar

Perspektive mit Charme

Die spannendsten Nachrichten liefert seit Monaten die Autobranche samt Zulieferern. Spektakuläre Übernahmen mit teils verheerenden Auswirkungen (Schaeffler-Conti) oder der Übernahmepoker von Porsche und Volkswagen hielten und halten Beschäftigte und Öffentlichkeit ebenso in Atem wie Insolvenzen (Chrysler) oder immer neue Rettungsszenarien (GM/Opel). Von Frank Pröse

In diesen dramatischen automobilen Zeiten scheint alles möglich. Ist die solide finanzierte und einer Schachstrategie entlehnte Übernahme von VW durch die viel kleinere Porsche AG schon sensationell genug, so setzt die den Wolfsburgern durch die Finanzkrise ermöglichte Retourkutsche noch eins obendrauf.

Ansatzweise sensationell entwickeln sich auch die Pläne zur Rettung von Opel. So will sich der kanadisch-österreichischen Zulieferer Magna für die Übernahme des Europageschäfts der Opel-Mutter General Motors offensichtlich Russen ins Boot holen. Zusammen mit seinem früheren Großaktionär, dem Oligarchen Oleg Deripaska, könnte ein paneuropäischer Branchenverbund entstehen. Das Modell hat durchaus Charme, zumal sich Magna bei der Opel-Belegschaft als auch in der Politszene gegenüber Fiat als dem anderen hoch gehandelten Interessenten als bevorzugter Partner herauskristallisiert. Gegen den Einstieg von Fiat sprechen die Verschuldung der Italiener, die nur mit Hilfe von Staatsgeldern zum Zuge kommen könnten, außerdem die Überschneidungen bei Produktpalette und Kundschaft und damit der befürchtete Abbau von Kapazitäten und Arbeitsplätzen. Für Magna spricht, dass der Zulieferer erstens gut bei Kasse ist, demnach keine Steuergelder benötigt, zweitens nicht gegen Opel konkurriert und drittens aus Absatzgründen großes Interesse am Erhalt der Marke hat. Und für eine Kombination mit den Russen spricht schließlich, dass Opel so die Türen auf den osteuropäischen Märkten weit aufgerissen und damit vielversprechende Perspektiven in einem ansonsten von Überkapazitäten geprägten Markt aufgezeigt würden.

Noch aber ist alles Spekulation. Die neueste besitzt freilich den Charme eines Paradigmenwechsels: Künftig würde die Musik nicht in den USA, sondern in Russland bestellt. Da passt es gut, dass Oligarch Deripaska mit seiner früheren fünfprozentigen Beteiligung an GM schon mal Erfahrungen sammeln konnte.

frank.proese@op-online.de

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