Profi-Tüftler gesucht

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Lösungen gesucht: Diese Arbeit des US-Ingenieurs Claude Shannons ist derzeit im „Heinz Nixdorf MuseumsForum“ in Paderborn zu sehen.

Offenbach - Ingenieure haben im Vergleich zu anderen Berufsgruppen ein Luxusproblem: Zwar werden in Zeiten der Krise auch weniger Arbeitskräfte in Wissenschaft und Technik nachgefragt, aber die Aussichten für Ingenieure bleiben rosig - auch in der Region. Von Achim Lederle und Marc Kuhn

„Im Oktober 2009 waren 50 000 Stellen bundesweit unbesetzt. Dies bedeutet ein Plus von einem Prozent im Vergleich zum Vormonat“, sagt Sven Renkel vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) gegenüber unserer Zeitung. Im Vorjahr seien noch 80 000 offene Stellen gemeldet gewesen: „Dies zeigt, dass es für Hochschulabsolventen nicht mehr ganz so einfach ist, einen Job zu finden. Eventuell dauert die Suche etwas länger, aber Ingenieure sind weiter gefragt“, so Renkel.

Den Trend bestätigt Gaby von Rauner von der Fachhochschule Frankfurt, die rund 40 vor allem ingenieurwissenschaftliche Studiengänge anbietet und eine enge Verzahnung zwischen Theorie und Praxis anstrebt. „Bereits während des Studiums werden durch Praktika und Firmeneinsätze Kontakte mit Unternehmen geknüpft. Für manche Studiengänge wie zum Beispiel Luftverkehrsmanagement erfolgen Ausbildung - in diesem Fall bei der Fraport - und Studium parallel, wobei die Firmen die Studiengebühren übernehmen“, erläutert von Rauner. Der Student habe, da das Unternehmen bereits einiges Geld in ihn investiert habe, nach seinem Abschluss als Bachelor oder Master praktisch eine Beschäftigungsgarantie. Von Rauners Fazit: „Viele FH-Studenten können trotz der Krise zwischen mehreren Jobangeboten wählen.“

Siemens kann 1.500 Stellen nicht besetzen

Der Blick in einige Unternehmen scheint diesen Trend zu bestätigen. So kann Siemens ungeachtet der Wirtschaftskrise derzeit bundesweit 1.500 offene Stellen nicht besetzen. „Wir suchen händeringend nach Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Der Großteil davon liegt im Bereich unserer grünen Wachstumstechnologien. Schon heute ist fast jeder dritte Arbeitsplatz bei Siemens in diesem Bereich angesiedelt“, sagt Siemens-Personalvorstand Siegfried Russwurm unserer Zeitung.

„Wir werden unsere Stärken weiter ausbauen: Pioniergeist und Innovationskraft bei Energieeffizienz, industrieller Produktivität, bezahlbaren Gesundheitssystemen und intelligenten Infrastrukturlösungen“, betont Michael Kassner, Leiter von Siemens Rhein-Main. „Dazu brauchen wir junge Forscher. In der Region starten wir derzeit eine Initiative zur nachhaltigen Verbesserung der Infrastrukturen in Städten“, erklärt Kassner. „Egal, ob umweltschonende Verkehrssysteme, Emissions-Optimierung von Gebäuden oder intelligentes Stromnetz in Rhein-Main - dabei ist vor allem viel Ingenieurwissen gefragt.“

In der Region Rhein-Main beschäftigt Siemens rund 10 000 Mitarbeiter - sowohl in Service, Vertrieb als auch Produktion. Vor allem an den Standorten in Offenbach, zuständig für die weltweite Kraftwerks planung, als auch im Schaltanlagenwerk in Fechenheim besteht Bedarf an Ingenieuren. In den vergangenen beiden Jahren wurden für beide Standorte etwa 250 Ingenieure eingestellt. „Der Standort Offenbach mit seinen derzeit 1 125 Mitarbeitern rekrutiert sich gar zu 70 Prozent aus Ingenieuren, Tendenz steigend“, teilt Siemens mit.

Auch Areva sucht Ingenieure

Freie Ingenieurstellen gebe es vor allem in den Entwicklungsstandorten München, Nürnberg, Erlangen und Berlin. „Wir in Rhein-Main investieren vor allem in die Zukunft und bilden selbst trotz allgemeiner Wirtschaftskrise nach wie vor auf sehr hohem Niveau aus“, sagt Kassner. „Siemens ist mit rund 500 Auszubildenden und innerbetrieblichen Studenten einer der größten Ausbildungsbetriebe in der Region, darunter sind rund 180 Nachwuchs-Ingenieure.

Auch das Kerntechnik-Unternehmen Areva NP sucht Ingenieure. „Steigender Energiebedarf und die Notwendigkeit, den CO2-Ausstoß zu verringern, bieten die optimale Geschäftsgrundlage für die weitere Nutzung und den Ausbau der Kernenergie“, erläutert Manfred Hartlaub, Personalleiter bei Areva für den Standort Offenbach/Karlstein. „Als weltweit führender Anbieter von Produkten und Dienstleistungen in der Kerntechnik profitiert Areva NP unmittelbar von dieser Entwicklung. Der Standort Offenbach ist dabei fester Bestandteil der langfristigen Entwicklungspläne von Areva.“

Derzeit sucht das Unternehmen Ingenieure für Maschinenbau und Verfahrenstechnik sowie Bau- und Elektroingenieure. Wegen der weltweiten Nachfrage nach Kerntechnik ist das Unternehmen auf Wachstumskurs - auch in Offenbach. Hier ist die Stammbelegschaft mittlerweile auf mehr als 900 Beschäftigte gewachsen. 2009 wurden etwa 100 Mitarbeiter eingestellt. Im nächsten Jahr „wird der Mitarbeiterbestand voraussichtlich im oberen zweistelligen Bereich weiterhin wachsen“, erklärt das Unternehmen.

Andererseits 122.300 Ingenieure arbeitslos

Der gesamte Arbeitsmarkt für Ingenieure ist erstaunlich stabil. Wie die Bundesagentur für Arbeit in ihrem Bericht für das Jahr 2008 schreibt, vermeldeten viele Unternehmen und Betriebe Schwierigkeiten bei der Suche nach Ingenieuren. In Folge der Krise sei zwar der Arbeitskräftebedarf auch hier 2009 gesunken, aber „die Auswirkungen auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit sind jedoch bisher relativ moderat, da viele Unternehmen - nicht zuletzt mittels Kurzarbeit - ihre eingearbeiteten Fachkräfte halten können“, heißt es in dem Bericht. Wie die Bundesagentur weiter mitteilt, seien im Vorjahr 122.300 Ingenieure mit Hochschulabschluss arbeitslos gemeldet gewesen - ein Minus von 14,1 Prozent gegenüber dem Jahr 2007.

Der Mangel an Fach- und Führungskräften ist trotz der Krise bereits heute spürbar“, erklärt Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände nach einer Befragung von Unternehmen.

55 Prozent der Firmen hätten angegeben, dass es schwierig sei, ausreichend Ingenieure zu rekrutieren. 52 Prozent sagten, dass sich der Mangel an Fach- und Führungskräften bereits heute auf das Unternehmen auswirkt.

Noch größer als die Probleme bei den Ingenieuren sei der Mangel an qualifizierten Facharbeitern. 64 Prozent der Unternehmen erklärten, es sei schwierig, geeignetes Personal zu finden.

In Stadt und Kreis Offenbach sind derzeit nach Angaben der regionalen Agentur für Arbeit rund 100 arbeitssuchende Ingenieure registriert. Wie Regina Umbach-Rosenow von der Offenbacher Agentur weiter sagt, sei die Zahl auf den ersten Blick erstaunlich hoch, jedoch befänden sich darunter oft schwer vermittelbare Jobsuchende. Auch Doppelzählungen seien nicht ausgeschlossen.

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