Die schrecklich schnellen „00er“

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Ein weiblicher Fan der deutschen Fußballnationalmannscha ft jubelt auf der Berliner Fanmeile während der Fußball-WM 2006.

Deutschland - (dpa) Die Bundesrepublik Deutschland blickt auf 60 Jahre ihres Bestehens zurück: eine Erfolgsgeschichte mit politischer Stabilität, sozialem Frieden, Ansehen in der internationalen Gemeinschaft und - unbeschadet der aktuellen Wirtschaftskrise - wachsendem Wohlstand. In einer Serie beleuchten wir prägende Ereignisse und bestimmende Momente.

Der Schatten der USA fällt auf die Republik. Kommt nun die Generation der Staatsschulden? Und hat die DDR womöglich das Spiel gewonnen? Was bedeutet es, wenn der Satz „Nichts wird mehr sein, wie es mal war“ zur Floskel verkommt? Dann muss Weltbewegendes passiert sein. Die „00er“ sind das Jahrzehnt, in dem Zwillingstürme einstürzten und große Blasen platzen.

Und alles schrecklich schnell geworden ist. Und unübersichtlicher. Wer hätte gedacht, dass Ludwig Erhards Enkel in der CDU eines Tages über Verstaatlichungen und Enteignungen diskutieren? Die Welt ohne Eisernen Vorhang ist multipolarer, so voll an Möglichkeiten - guten wie schlechten - wie unser Alltag in dieser vernetzten Welt.

Der Kölner Politologe Thomas Jäger definiert die Globalisierung als „die gegen Null tendierende Komprimierung der Faktoren Raum und Zeit für weite Bereiche menschlichen Handelns“. Das trifft es, wir sind immer auf dem Sprung, jetzt hier, gleich da. Der „Coffee to Go“ wird zum Lebensgefühl und „Freizeitstress“ zum geflügelten Wort. Was haben aber die Nuller außer Tempo gebracht? Rot-Grün besiegelt den Atomausstieg (2001). Aus der D-Mark wird der „Teuro“ (2002), Hartz IV zur Chiffre für Sozialabbau (2003). Pisa bringt das deutsche Bildungssystem ins Wanken (2001) und die Linke die Parteienlandschaft (2005). Wir werden Papst (2005) und berauschen uns am fußballerischen Sommermärchen (2006). Letztlich sind es aber zwei Ereignisse in New York, die uns am stärksten prägen.

Es beginnt mit den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem Einsturz des World Trade Centers. El Kaida wird nun weltweit bekämpft - und Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt. Und statt gegen die Startbahn West wird immer öfter gegen Minarette demonstriert - aber zugleich gehen wir aufeinander zu, diskutieren mit muslimischen Mitbürgern. Integration wird zum großen Thema.

Finanzkrise, Bankenkrise, Automobilkrise

Irgendwie endet das Jahrzehnt auch in Manhattan, ein paar Straßen von Ground Zero entfernt bricht am 15. September 2008 die Lehman-Bank zusammen und löst einen Domino-Effekt aus. Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück sprechen eine bisher einmalige Garantie für alle Sparguthaben aus - und der Staat pumpt zig Milliarden in notleidende Banken. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist nun nicht mehr zum Zeigen des Victory-Zeichens zumute. War in den 80ern noch alles möglich, ist in den 00ern zunächst alles etwas angepasster. Eine dominante Jugendkultur? Popper, Punker, Rocker? Eher Fehlanzeige, wer links sein will, geht zu Attac und fährt nach Seattle, Genua oder Heiligendamm, um der G8 die Stirn zu bieten.

Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) gratuliert der neuen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Bundestag zu ihrer Wahl.

Stilbildende Ikonen werden die Kids von Tokio Hotel - plötzlich rennen tausende Bill-Kaulitz-Klone durch die Straßen. Das Liedgut der 00er ist sonst oft Geschmackssache. Wir hören alles, aber nichts bleibt im Ohr. Da ja früher alles besser war, wie einige behaupten, rollt von den Stones bis zu Lindenberg eine Comeback-Welle. Wir machen ein Freiwilliges Soziales Jahr in Bolivien, studieren dank Erasmus in Europa, fliegen ein Jahr „round the world“. Wir lernen Sprachen, treffen Monica in Madrid, Julia in Paris und Carlos in Buenos Aires. Die EU schweißt zusammen - wir leben in einer historischen Friedenszeit. Ja, wir werden offener und entspannter, 2006 ist die Welt zu Gast bei Freunden. Es wird der Sommer kollektiven Glücks und eines ungeahnten Patriotismus.

Facebook, StudiVZ und Bachelor

Aber an uns nagen auch die Zweifel. Wie und wo will ich leben, bekomme ich einen Job? Aus der Generation Golf wird die Generation Praktikum - kommt nun die Generation Staatsschulden? Das Prekariat ersetzt das Proletariat. Und wir sind Gefangene der schönen neuen Welt. Die Vielfalt überfordert uns, hier das Fitnessstudio, da meine Chats. Die Windows-Melodie beim Rauf- und Runterfahren des PCs ist der Soundtrack der 00er. Jeder ist mit jedem in Kontakt und fast überall erreichbar. Facebook und StudiVZ lauten die virtuellen Treffpunkte, man rotiert zwischen mehreren Email-Zugängen und so mancher Bewerber scheitert, weil der Chef schnell mal Jugendsünden ergoogelt - das Verb „googeln“ steht nun übrigens auch im Duden.

Schon die Jüngsten lernen heute am besten zwei Sprachen, spielen Fußball, Klavier und Schach. Das Turbo-Abi in zwölf Jahren kommt und Kindern wird immer mehr das Kindsein geraubt. An den Unis werden Bachelor- und Masterstudiengänge eingerichtet, statt nach links und rechts zu schauen, zu „bummeln“, sich als Persönlichkeit zu formen, wird das Studium verschult, die Jagd nach Creditpoints zur Maxime - verkatert mit Kommilitoninnen in der WG liegen ist kaum noch drin.

Die Casting-Welle bricht über uns herein

Nicht alle kommen bei dem steigenden Druck noch mit - und werden abgehängt. Das Wort Verrohung macht die Runde. Zum Sport wird „Happy Slapping“ - das Filmen von Schülern, die auf dem Schulhof fertig gemacht werden. Ins Netz gestellt, blamieren die Videos die Opfer bis auf die Knochen. Insgesamt wird alles etwas amerikanischer. Kommunen wagen Cross-Border-Leasing-Geschäfte und sehen in Zeiten der Finanzkrise die Felle davonschwimmen. Die Alten sind nun die Best Ager, die ihre Life-Balance suchen. Nach Feierabend geht es zum Workout. Auch unser Fernsehen nimmt Anleihen in Amerika. Talk-Shows, Koch-Shows oder Reality-Shows (Big Brother!) - überall kann man dabei sein und zum Drei-Wochen-Star werden. Daniel Küblböck wird zur Chiffre für das Jedermann-Syndrom. Deutschland sucht den Superstar oder Germany's Next Topmodel - die Casting-Welle bricht über uns herein.

Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Josef Ackermann, macht vor Beginn des Mannesmann-Prozesses im Landgericht in Düsseldorf das Victory-Zeichen.

1970 gestartet, ist der „Tatort“ einer der letzten Dauerbrenner im TV. Weil Familien auseinanderdriften oder wir nicht mehr im selben Ort wohnen, werden Tatort-Clubs in, was früher das Sofa war, wird Sonntags um 20.15 Uhr die Kneipe. Über Geschmack lässt sich streiten, aber Marcel Reich-Ranickis Gardinenpredigt scheint nicht ganz unberechtigt zu sein. Wie schön naiv war doch die Utopie in Hans Weingärtners Film „Free Rainer“ (2007), als plötzlich der Bildungssommer ausbrach - und Arte zum quotenstärksten Sender wurde. Apropos deutscher Film: Nicht nur das mit dem Oscar gekrönte Werk „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck zeigt, dass deutsche Filme international enorm aufgeholt haben.

Emapnzipation, Merkel und die „hessische Frage“

Aufgeholt wird auch bei der Emanzipation. Die Bundeskanzlerin - 97 Jahre nach Aufhebung des Politikverbots für Frauen die erste Dame an der Regierungsspitze - ist in den 00ern natürlich online und eine sehr schnelle SMS-Schreiberin. Unvergessen der Abend des 18. September 2005. Frau Merkel müsse doch die Kirche im Dorf lassen, seine Partei werde keine Koalition unter ihrer Führung eingehen, poltert Noch-Kanzler Gerhard Schröder. Er dankt nach diesem suboptimalen Auftritt ab, einige Tage liegt ein Hauch von Jamaika in der Luft, doch letztlich kommt es zur zweiten großen Koalition nach 1966 - unter Merkel. Doch die Politik ruft kaum Begeisterung hervor. Mit den „Hessischen Verhältnissen“ findet die komplizierte Koalitionsbildung ihren dramatischen Höhepunkt.

Eigentlich ist die Lage angesichts der Krise zum Ende der 00er so ernst, dass man es nur noch mit Humor nehmen kann. „Wir glauben ja, dass Angela Merkel, ehemalige Sekretärin für Agitation und Propaganda der FDJ, einen großen Masterplan hat und jetzt nach 20 Jahren an ihr Ziel gelangt: Enteignungen und Planwirtschaft im wiedervereinigten Deutschland“, sagt der langjähriger Chefredakteur der Satirezeitschrift Titanic, Martin Sonneborn. „Die DDR hat das Spiel gewonnen.“ (dpa)

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