Sicherheitstests mit der Ballwurfmaschine

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Schon in den 20er-Jahren konnten sich Hausfrauen beim VDE über die Sicherheit von Geräten informieren.

Berlin/Offenbach ‐ Verbraucher in Deutschland sehen die Sicherheit von Elektroprodukten fast schon als selbstverständlich an. Doch der Schein trügt: Immer wieder müssen Produkte aus den Verkaufsregalen genommen und Rückrufaktionen gestartet werden. Von Marc Kuhn

17,4 Prozent der Bundesbürger haben bereits schlechte Erfahrungen mit der Sicherheit oder Handhabung elektrotechnischer Produkte gemacht. Meist handelt es sich um Funktionsfehler bei Geräten, die mit Wärmeentwicklung zu tun haben, wie Föne oder Toaster. Dies hat die Studie des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) „Verbraucherschutz bei Elektroprodukten“ ergeben. Gerade einmal 17,7 Prozent der Verbraucher legen bei elektronischem Kinderspielzeug höchste Priorität auf Sicherheit. „Das Ergebnis ist erschreckend, denn nur 20 Prozent aller Spielzeuge auf dem deutschen Markt werden von unabhängigen Testhäusern geprüft“, erklärte der VDE-Vorstandsvorsitzende Hans Heinz Zimmer gestern in Berlin. Das Zeichen des Verbands, dessen Prüfinstitut in Offenbach beheimatet ist, feiert in diesem Jahr sein 90. Jubiläum. „Die VDE-Normung und -Sicherheitsprüfung hat großen Anteil daran, dass Deutschland über das höchste Sicherheitsniveau bei elektrotechnischen Produkten weltweit verfügt“, sagte Zimmer. Das deutsche Geräte- und Produktsicherheitsgesetz verlangt, dass ein Produkt nur in den Verkehr gebracht werden darf, „wenn es so beschaffen ist, dass bei bestimmungsgemäßer Verwendung oder vorhersehbarer Fehlanwendung Sicherheit und Gesundheit von Verwendern oder Dritten nicht gefährdet werden“, erläuterte der Verband.

Diese Sicherheit ist für die Verbraucher von größter Bedeutung: 60 Prozent der Bundesbürger erklären neutrale Prüf- und Qualitätszeichen bei Elektroartikeln - wie zum Beispiel das VDE-Dreieck - zu einem wichtigen oder sehr wichtigen Kaufkriterium, teilte der VDE weiter mit. Der Schutz vor Plagiaten und unsicheren Billigprodukten sei eine der zentralen Erwartungen der Verbraucher an Prüfsiegel. 84 Prozent der Bürger würden Sicherheitszeichen allgemein kennen, für 63 Prozent sei das VDE-Zeichen ein Begriff für Sicherheit bei Elektroprodukten. Allerdings zeige die Studie auch, dass knapp ein Drittel der Verbraucher glaubten, die CE-Kennzeichnung werde von einer neutralen Prüfinstanz vergeben. Dabei handele es sich aber um eine Erklärung des Herstellers, dass sein Produkt den Anforderungen der europäischen Richtlinien entspreche. Nur ein Drittel der Befragten wisse, dass die Hersteller sich die CE-Kennzeichnung selbst ausstellten. „Mit wenigen Ausnahmen gibt es im europäischen Wirtschaftsraum keine gesetzliche Prüfpflicht für elektrotechnische Produkte“, berichtete Zimmer. „Eine Stärkung des Verbraucherschutzes kann nur dann auf allen Ebenen garantiert werden, wenn auch herstellerunabhängige Prüfungen und Konformitätsnachweise für die Sicherheitsbeurteilung herangezogen werden.“ Unsicher sind die Bundesbürger bei der Frage, wer in Deutschland und Europa die Sicherheit elektrotechnischer Geräte überprüft: Zwar meinen 62 Prozent der Befragten, dass unabhängige Prüfinstitute für die technische Sicherheit in Deutschland sorgen. Jedoch glauben 37 Prozent, dass auf EU-Ebene die EU-Behörde für Verbraucherschutz für die Sicherheit von Elektrogeräten zuständig ist. Dass auch in Europa unabhängige Prüfinstitute für Sicherheit sorgen, wissen nur 27 Prozent. 91 Prozent der Bürger fordern allerdings, die strengen VDE-Prüfkriterien in der gesamten EU anzuwenden.

Produkte müssen  viel aushalten, bevor sie das VDE-Zeichen erhalten

Produkte mit VDE-Zeichen unterliegen der Überwachung. Etwa 500 Mitarbeiter nehmen in Offenbach alles unter die Lupe, was mit Elektrotechnik im Alltag zu tun hat: Hausgeräte, Leuchten, Elektrowerkzeuge, Unterhaltungselektronik, elektromedizinische Apparate, Geräte der Informations- und Kommunikationstechnik, Installationsmaterial, Kabel, Isolierstoffe, Leitungen aber auch Elektroautos.

Im Gründungsjahr des VDE - 1920 - mussten Prüfverfahren noch entwickelt werden. Daher wurde improvisiert: Wärmeisolierungen setzten die Ingenieure der Hitze eines Ofens aus. Zur Feststellung der Stabilität von Gehäusen genügte ein Hammerschlag oder die „Zimmermannsche Klaue“, wobei es sich um nichts weiter als die kräftige Faust des damaligen Leiters der Prüfstelle handelte. Um die Haltbarkeit zu testen, warfen die Ingenieure das Gerät aus dem Fenster.

Auch 2010 müssen die Produkte viel aushalten, bevor sie das VDE-Zeichen erhalten. Fäuste kommen nicht mehr zum Einsatz, auch fliegt kein Gerät mehr aus dem Fenster. Stattdessen setzen Zugvorrichtungen Elektroleitungen einem Dauertest aus. Eine Ballwurfmaschine traktiert für Sporthallen konzipierte Deckenleuchten mit 60 Kilometer pro Stunde schnellen Handbällen. Auf einem Prüfstand wird gemessen, wie viel Zeit vergeht, bis nach dem Ausschalten eines Rasenmähers das rotierende Messer zum Stillstand gekommen ist: Es dürfen nur drei Sekunden sein. Eine Apparatur öffnet die Tür eines Mikrowellen-gerätes bis zu 100.000-mal. Ein Lichtschalter hat mindestens 45.000-mal einwandfrei zu funktionieren. Ein Geschirrspüler muss zwei Wochen lang ununterbrochen schmutzige Teller waschen. Jeden Tag durchlaufen 60 bis 70 neue Produkte die Sicherheitschecks des VDE. Die Ingenieure prüfen jedes Teil: Wie ist das Produkt konstruiert? Sind irgendwelche Teile giftig? Senden sie gesundheitsschädliche Strahlen aus? Wie ist es um Zug- und Reißfestigkeit bestellt? Wie steht es um spannungsführende Teile? Etwa die Hälfte aller eingereichten Geräte erfüllt im ersten Anlauf die strengen Prüfkriterien des VDE-Instituts nicht. Die Fehler, die das Institut bei Elektroprodukten findet, ähneln sich Jahr für Jahr, wie der VDE erklärte. Ursache seien in der Regel Schwankungen in der Fertigungsqualität, wie mangelnde Sachkenntnisse bei der Konstruktion, ungeeignete Materialien und Werkstoffe oder mangelhafte Fertigungstechniken und deren Überwachung. Der Hersteller erhalte einen Bericht, auf dessen Grundlage er die Mängel beseitigen könne. Komme es zu keinen Beanstandungen mehr, erhalte der Hersteller das VDE-Prüfzeichen. Damit unterliege dessen Fertigung einer laufenden Kontrolle. Mindestens einmal im Jahr würden die Inspektoren des VDE beim Hersteller erscheinen - unangemeldet. Sie nehmen Stichproben und überprüfen sie auf ihre Übereinstimmung mit den für die Zertifizierung zugrunde gelegten Normen.

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