Sprachkenntnisse gefordert

Offenbach - Die Integration von Ausländern in den Arbeitsmarkt ist nach Ansicht der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach eine Möglichkeit, um den Fachkräftemangel in der Region zu bekämpfen. „Wir müssen alles rausholen, was geht.

Das ist eine große Chance“, sagte Friedrich Rixecker, Geschäftsführer bei der IHK, im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn. Ähnlich sieht das Patrik Jungen vom Medienunternehmen Polaris aus Offenbach. „Ich glaube, dass gerade im Bereich der Ausländer bisher zu wenig gemacht wird“, fügte Thomas Machate von der Deutschen Flugsicherung hinzu. Peter Kühne, Geschäftsführer vom Werkzeugspezialisten KSTools aus Heusenstamm, mahnt mehr Engagement der Schulen an.

Immer lauter werden die Klagen über einen Fachkräftemangel in Deutschland und auch in Stadt und Kreis Offenbach. Die Zahl der arbeitslosen Migranten ist gleichzeitig relativ hoch. Kann mit ihrer Integration in den Arbeitsmarkt der Fachkräftemangel bekämpft werden?

Machate: Es ist zumindest ein Ansatz, um alle auf dem Markt befindlichen Potenziale zu nutzen. Ich glaube, dass gerade im Bereich der Ausländer bisher zu wenig gemacht wird. Aber auch die Migranten scheuen sich, diesen Markt zu betreten - gerade wenn es um technische Berufe geht. Es gibt viel Beratungsbedarf.

Warum ist eine Scheu vorhaben?

Machate: Gerade bei den jungen Türken, von denen wir im Kreis ja viele haben, hat das auch mit der Kultur zu tun. Die bewerben sich ein-, zwei-, vielleicht dreimal. Dann denken sie, dass sie keine Chance auf dem Markt haben. Dann verschwinden sie im Heimatland oder in irgendwelchen Telefonläden.

Jungen: Ich denke, der wichtigste Punkt ist, die sprachliche Barriere zu lösen. Ich habe erlebt, dass qualifizierte Bewerber wegen mangelnder Sprachkenntnisse nicht genommen wurden. Die Unternehmer haben da eine Scheu. Die Beschäftigung von Migranten ist ein Mittel gegen den Fachkräftemangel. Aber ganz klar: Man muss die Sprachprobleme lösen.

Kühne: Ich sehe das genauso. Wir haben bei den Vorstellungsgesprächen die gleichen Probleme. Zum Teil geht es um die Sprache. Zum Teil hapert es natürlich auch an der Ausbildung. Das ist teilweise sehr gravierend. Insbesondere bei den Vorkenntnissen aus der Schule gibt es schon große Unterschiede zwischen den Jugendlichen aus Migrantenfamilien und anderen.

Wo liegen die Probleme?

Kühne: Zuhause wird oft nicht viel Unterstützung geleistet. Ich war jahrelang Elternbeirat. Auf den Elternabenden waren die Eltern von deutschen Kindern alle da, die ausländischen Schüler brachten die Eltern mit, die noch nicht einmal die Sprache verstehen.

Herr Machate, wo hapert’s aus Ihrer Sicht?

Machate: Ich muss das bestätigen, was Herr Kühne gesagt hat. Das Fördern zuhause ist wichtig. Wir gehen oft in Schulen. Gerade Migrantenkinder sind sehr dankbar für das individuelle Gespräch. Manche wissen auch nicht, was sie in eine Bewerbung schreiben sollen. Oft ist die Bewerbung auch gespickt mit Fehlern, weil zuhause die sprachlichen Fähigkeiten fehlen.

Rixecker: Wenn man tiefer einsteigt, merkt man, dass das auch kulturelle Hintergründe hat. Wir als IHK haben gelernt, dass insbesondere Eltern mit Migrationshintergrund, die selbst die hiesige Berufsausbildung nicht erfahren haben, gar nicht auf die Idee kommen, dass ihre Kinder sich um eine Lehre bemühen sollen. Sie haben aber gemerkt, dass Bildung wichtig ist. Die Eltern drängen die Kinder dann, weiter zur Schule zu gehen. Viele schaffen es aber nicht - zum Beispiel wegen der fehlenden Sprachkenntnisse. Deshalb gehen wir massiv in die Schulen und versuchen, Eltern mit Migrationshintergrund zu erreichen. Das ist ein ganz schön hartes Brett. Aber: Die Eltern müssen wir mitnehmen.

Ist die Integration von Migranten eine Option, um die Fachkräftemangel in Offenbach zu bekämpfen?

Rixecker: Absolut. Wir haben ja eine überdurchschnittlich hohe Quote. 50 Prozent der Bewohner der Stadt Offenbach sind Migranten, im Kreis sind es rund 35 Prozent. Es ist dramatisch, dass die Migranten überproportional arbeitslos sind. Das ist ein Problem, aber auch ein Fundus. Da steckt ein Potenzial drin. Wir müssen alles rausholen, was geht. Das ist eine große Chance. Offenbach hat interessante Entwicklungen erlebt, zum Beispiel in der Kreativwirtschaft, im Bereich Design, Medien. Da steckt erheblich Musik drin.

Jungen: Da, wo kulturelle Schmelzpunkte sind, ist die Kreativwirtschaft besonders erfolgreich. Die Potenziale der Hochschule für Gestaltung müssen besser genutzt werden. Man könnte Design und die neuen Medien als Kernkompetenz Offenbachs verkaufen.

Die Anerkennung von im Ausland erworbenen Schul- und Berufsqualifikationen in Deutschland ist ein kompliziertes Verfahren. Können wir uns das angesichts des Fachkräftemangels überhaupt noch leisten?

Rixecker: In Deutschland sind 500.000 Akademiker mit Migrationshintergrund arbeitslos oder unter Wert beschäftigt. Das ist ein erhebliches Potenzial. Wir gehen im IHK-Bereich von jährlich 114.000 Antragstellern deutschlandweit aus. In Offenbach sind es 600 bis 700. Das ist eine Größenordnung. Wenn wir die Potenziale nutzen könnten, wäre das ein Beitrag zum Abbau des Fachkräftemangels.

Wo liegen die Probleme bei der Integration von erwachsenen Migranten in den Arbeitsmarkt?

Jungen: Prinzipiell ist es ein Problem, die Qualifikation aus anderen Ländern einzuschätzen. Es gibt keine Standards. Auch bei den deutschen Universitäten gibt es große Unterschiede. Ein Unternehmer muss die Qualifikation eines Bewerbers stets selbst prüfen. Das gilt insbesondere für gut ausgebildete Migranten.

Rixecker: Betriebe müssen die Möglichkeit haben, Höherqualifizierte einzuordnen. Das Gesetz über die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen wird gerade vorbereitet. Das soll ja in der Zuständigkeit der Industrie- und Handelskammern abgewickelt werden. Das Gesetz soll im April nächsten Jahres in Kraft treten. Wir werden uns dann konkret in Offenbach mit der Frage beschäftigen, welche Qualifikation aus welchem Land können wir wie einordnen im Vergleich mit den hiesigen, bei den Betrieben bekannten Qualifikationen. Da setzen wir drauf. Das Verfahren muss mit dem Gesetz standardisiert werden. Die Beratung muss ausgebaut werden. Und vor allem muss die Anerkennung bundeseinheitlich erfolgen. Die IHKs werden das Verfahren zentralisieren in Nürnberg.

Kühne: Bei uns gibt es zurzeit bei 140 Angestellten Mitarbeiter mit zwölf Nationalitäten. Wir haben keine Probleme mit ihnen. Aber: Sie können natürlich die deutsche Sprache. Sie können kommunizieren, dann können sie sich auch in das Unternehmen integrieren. Wir brauchen viele Migranten, weil wir in mehr als 60 Länder exportieren. Da hilft es, wenn jemand am Telefon sitzt, der die Landessprache beherrscht.

Wie bekommen wir mehr junge Migranten in Ausbildung?

Machate: Durch individuelle Beratung. Wir merken bei unseren Trainings und in den Schulen, dass junge Migranten sehr dankbar sind für persönliche Beratung. Das ist die Chance, auch wenn man viel Zeit und Geld aufwenden muss.

Kühne: Die Schulen müssen aktiver werden. Es muss ein Mix aus Schulen und den Unternehmen sein. Wir müssen den jungen Leuten zeigen, welche Chancen sie haben.

Muss die Schule mehr auf die Bedürfnisse der jungen Leute eingehen?

Kühne: Die Schule muss viel aktiver werden. Dort wird oft nur verwaltet. Das ist leider so.

Rixecker: Wir haben beobachtet, dass Vorbilder bei Migranten Aha-Effekte auslösen. Wir nehmen zu unseren Elternabenden immer Auszubildende mit Migrationshintergrund mit, die Karriere gemacht haben. Das zieht zum Beispiel bei den jungen Türken.

Sind die Probleme bei Mädchen aus Migrantenfamilien anders gelagert?

Rixecker: Die Mädchen haben tendenziell die höherwertigen Schulabschlüsse. In Einzelfällen, das ärgert mich aber immer sehr, ist es die Familie, die dann bremst. Wir erleben es immer wieder, dass gute Mädchen aus der Lehre genommen werden, weil die Familienplanung anders ist.

Wie kann die Qualifizierung von jungen Ausländern verbessert werden?

Machate: Es muss Patensysteme geben. Es muss jemanden geben, der sie stützt. Jemand muss sie kontrollieren, dass sie zum Beispiel ihre Bewerbungen abgeben. Ein sanfter, begleitender, gut gemeinter Druck muss ausgeübt werden.

Jungen: Ich stimme mit Herrn Machate überein. Eine Bewerbung vermittelt den ersten Eindruck. Wenn Fehler drin sind, kommt das äußerst schlecht an. Dann sind die jungen Leute frustriert. Wenn sie aber den ersten Schritt geschafft haben, können sie sich in einem Gespräch beweisen.

Rixecker: Wir werden in Zukunft viel stärker auf Praktika setzen. Und zwar auf Praktika, die in der Schule vernünftig vor- und nachbereitet werden. Darüber hinaus müssen sie von der Schule begleitet werden. Wir brauchen eine ganz andere Qualität als bei den Praktika bisher. Dafür werden wir als IHK ein Konzept erarbeiten. Ein wichtiger Baustein ist, dass wir mit den Schulen Qualitätsstandards für die Praktika vereinbaren. Das wird nicht ganz einfach, weil es mit Arbeit für die Schule verbunden ist.

Die Schulen ziehen nicht so mit, wie Sie sich das wünschen?

Rixecker: Es ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Aber: 60 Prozent der Auszubildenden finden nach Umfragen ihren Beruf über Praktika.

Jungen: Sicherlich wäre eine Verlängerung der Praktika auf vier Wochen sinnvoll. Dann bekommen die jungen Leute einen tieferen Einblick. Wir übernehmen gerne Praktikanten. Alle unsere Mitarbeiter haben zuerst ein Praktikum gemacht.

Helfen Praktika weiter?

Kühne: Wir haben jeden Monat Praktikanten, von der Uni und von der Schule. Das hilft schon enorm. Das gibt den Jugendlichen einen Eindruck. Schließlich durchlaufen sie bei uns drei, vier Abteilungen.

Machate: Wir arbeiten mit Schülerprojekten. Eine größere Gruppe von Jugendlichen wird für zwei Wochen eingeladen. Sie können auch Vorträge hören. Zudem haben die Schüler bei uns zum Beispiel einen Flughafen gestaltet. Der Schritt vor dem Praktikum ist mir wichtig. Auf Messen lernen die jungen Leute Berufe kennen. Ich bin froh, dass es diesen Trend zu Messen gibt.

Rixecker: Das Thema Berufsorientierung ab Klasse 7 muss ein ganz anderes Gewicht bekommen. Dazu gehört auch die Vor- und Nachbereitung von solchen Messen. Oft kann man sich dort ja auch um eine Praktikumsstelle bewerben. Wenn man das erst nehmen würde in den Schulen, könnte man also eine ganz andere Nachhaltigkeit erzielen.

Ist die Beschäftigung von Migranten nicht auch eine Chance für die Unternehmen in der Region?

Kühne: Eine Bereicherung für die Firma. Das Salz in der Suppe, das ist ganz klar.

Thema Zuwanderung. Viele ausländische Uniabsolventen kommen nicht nach Deutschland. Sie bevorzugen andere Staaten. Warum ist Deutschland so unattraktiv?

Jungen: Es geht schlicht um die Bezahlung. Viele gehen lieber nach Schweden oder in die Schweiz, weil sie dort besser bezahlt werden. Deutschland muss sich als attraktiver Standort besser verkaufen.

Ist Zuwanderung eine Möglichkeit, um das Fachkräfteproblem abzufedern?

Jungen: Auf jeden Fall. Es gibt gut ausgebildete Menschen in vielen Ländern.

Machate: Ich sehe das ähnlich. Das ist eine Möglichkeit. Dann müssen wir als Unternehmen uns aber auch besser verkaufen und zeigen, welche Berufe angeboten werden.

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