Karten liegen auf dem Tisch

Kommentar: VW sucht neuen Chef

Der Rücktritt von VW-Chef Martin Winterkorn ist sicherlich nur ein Teil der Lösung des Skandals um gefälschte Abgaswerte in den USA. Weitere Schritte müssen folgen.

Marc Kuhn

Wenn der Aufsichtsrat heute zusammen kommt, um über die Nachfolge zu entscheiden, liegen die Karten schon auf dem Tisch. Schließlich wurde die Debatte bereits vor Monaten geführt. Martin Winterkorn sollte an die Spitze des Kontrollgremiums rücken. Bekanntlich wollte VW-Patriarch Ferdinand Piëch das nicht. Winterkorn blieb am Steuer - bis Mittwoch.

Seine Nachfolger stehen in den Startlöchern. Die besten Aussichten hat wohl Porsche-Chef Matthias Müller. Zwar hatte sich der 62-Jährige schon einmal selbst aus dem Rennen geworfen. Er sei zu alt, unkte Müller, um danach das Gegenteil zu behaupten. Sein Vor- ist gleichzeitig sein Nachteil. Der Boss der Sportwagensparte ist im VW-Konzern groß geworden, kennt jede Stellschraube im Unternehmen. Deshalb könnte ihm aber auch die nötige Distanz fehlen, um die Affäre aufzuarbeiten. Zudem wird Müller Nähe zum geschassten Winterkorn nachgesagt. Als Kronprinz galt seit Jahren auch Audi-Chef Rupert Stadler. Er kennt Volkswagen auch sehr genau. Allerdings ist er Betriebswirt und nicht Ingenieur. Dritter im Bunde war VW-Markenchef Herbert Diess. Er ist seit Sommer im Amt und gilt deshalb als unbescholten. Ihm fehlt indes die Hausmacht, die ihn auf den Schild heben könnte.

Beim größten deutschen Autobauer ringen stets Politiker, Betriebsräte und Familienclans um die Macht. Auch Piëch - der zurückgetretene Chef der Kontrolleure ist immer noch Großaktionär - wird wohl wieder hinter den Kulissen im Aufsichtsrat die Strippen ziehen. Für die Aufarbeitung der Affäre und die Zukunft des Konzerns wäre es indes besser, wenn ein Top-Manager von außen am Lenkrad von VW Platz nehmen würde. Auf den künftigen Vorstandsvorsitzenden wartet eine Herkulesaufgabe. Schließlich zieht der Skandal Kreise. So ist seit gestern bekannt, dass auch in Europa Dieselautos von Volkswagen mit manipulierten Abgaswerten unterwegs sind. Weitere schlechte Nachrichten werden folgen. Der neue VW-Chef wird nicht nur mit der Klagewelle in den USA und dem enormen Imageschaden konfrontiert. Er muss vor allem schnell und konsequent durchgreifen. Weitere Manager müssen Verantwortung übernehmen. Überzeugt der Neue nicht, kann er die Glaubwürdigkeit von VW kaum wiederherstellen.

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