„Suppe von Misstrauen und Neid“

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Nicht immer, wenn Ärzte Hand anlegen, kommt der Patient gesund vom Operationstisch.

Offenbach - Ein falscher Schnitt, eine Medikamentenverwechselung oder gar eine fehlerhafte Diagnose - Irrtümer von Medizinern können dramatische Folgen für den Patienten haben - und diese wehren sich immer häufiger. Von Peter Schulte-Holtey

Allein 2007 erledigten deutsche Zivilgerichte 11.500 Arzthaftungsverfahren. Die Dunkelziffer ist aber offenbar um ein Vielfaches höher. So schätzen Experten, dass bei etwa jedem zehnten Patienten in der EU Ärzte gravierende Fehler machen oder ihre Arbeit schlampig ausführen. Umgerechnet auf Deutschland wären das mehrere hunderttausend Fälle pro Jahr, bei denen Menschen nach einem Arztbesuch Schäden erleiden.

Was läuft falsch im Verhältnis Arzt/Patient, wie fällt die Diagnose aus?

Wo Patienten beraten werden:

  • Gutachter- und Schlichtungsstelle - Ärztekammer Hessen, Im Vogelsgesang 3, 60488 Frankfurt, Tel.: 069-97672-316 und Fax: 069-97672-178.
  • Patientenbeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung in Hessen ist Renate Mahlich, Tel.: 069-79502-322.

Wolfram-Arnim Candidus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten in Heppenheim, erklärte auf Anfrage unserer Zeitung: „Es fehlt an ausreichender Zeit für das aufklärende Gespräch zwischen Mediziner/Pflegemitarbeiter/Therapeut und Patient. Somit fehlt die Kooperation des Patienten und es treten Missverständnisse auf. Dabei steigt die Fehlerquote automatisch an - und zwar auch deshalb, weil zum Teil aus Kostengründen mit weniger qualifizierten Mitarbeitern gearbeitet werden muss. Hinzu kommt die vom Ministerium und den Kassen geschürte Neidkultur, die Mediziner verdienen ja soviel, ja zu viel und wir Versicherte und Patienten kriegen das, was wir bisher hatten, nicht mehr. Diese Suppe von Misstrauen, Fehlinformationen und Neid führt zu dem Verdacht der Versicherten und Patienten, dass es sehr leicht zu einem Behandlungsfehler kommen kann und setzen sich dann sinnvoll oder oftmals auch weniger sinnvoll durch Verfahren für sich ein. Nutznießer sind die Anwälte.“

Operationsfeld Patient? Auch der Anwalt und Experte für Medizinrecht Rudolf Ratzel verweist auf eine größere Klagefreudigkeit der Patienten. Mittlerweile gebe es eine Vielzahl von Patientenhilfsorganisationen. „Auch die Krankenkassen sind sehr rührig“, zitiert ihn die Deutsche-Presse-Agentur. Seit mehreren Jahren bessern die Versicherer nach Beobachtung des Juristen ihre Finanzmittel auch mit Hilfe von Klagen gegen Ärzte zumindest etwas auf.

Wie können Patienten reagieren, womit müssen sie rechnen?

Das Verfahren vor den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern ist für die Beteiligten gebührenfrei. Bei der Bundesärztekammer heißt es dazu: „Durch die Besetzung dieser Gremien mit Ärzten und Volljuristen ist Sachverstand und Objektivität gewährleistet.“ In der Regel sei mit einer durchschnittlichen Bearbeitungsdauer von etwa 10 bis 12 Monaten zu rechnen.

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Patientenberater Candidus: „Wir empfehlen jedem Bürger, der sich bei uns meldet, zunächst eine außergerichtliche Prüfung des gesamten Behandlungsablaufs durch einen unabhängigen Mediziner. Dieser sollte in jedem Fall nicht auch für andere ein Gutachter für Krankenhäuser, Krankenkassen, Mediziner sein, denn sonst hat der Versicherte bereits verloren. Für einen einzelnen Patienten wird sich ein Mediziner nicht nachhaltig einsetzen, wenn dadurch die Gefahr besteht, dass er andere Einnahmen von vielen Institutionen oder für viele Fälle aus gutachterlicher Tätigkeit dadurch verlieren könnte. Es sollte der Versuch unternommen werden, außerhalb der Schlichtungsstellen und Sozialgerichte zu einer sachlichen Vereinbarung nach inhaltlicher Prüfung der medizinischen Zusammenhänge zu kommen. Dies spart Zeit, Geld und viel, viel Ärger für die Versicherten und Patienten.“

Das Arzthaftungsrecht ist eine Domäne der Rechtsprechung. Wann z. B. eine falsche Diagnose einen Kunstfehler darstellt, für den der Mediziner auch haftet, richtet sich vor allem nach den Urteilen des Bundesgerichtshofs. Hier sind die Bundesrichter zurückhaltend. Etwas anders ist ihre Linie hingegen, wenn es um die Aufklärung der Patienten vor Operationen geht. Der Blick ins Gesetz hilft derzeit wenig. Ministerin Brigitte Zypries möchte nun vor allem die Regelungen zusammenführen.

Grundsätzlich gilt bislang: Will ein Patient Schadenersatz durchsetzen, muss er zweierlei darlegen. Dass der Fehler ursächlich für sein Leiden ist sowie das Verschulden des Mediziners. Bei einem groben Behandlungsfehler gewährt die Rechtsprechung zum Teil schon jetzt eine Beweislastumkehr.

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