Verbände kritisieren und gründen Bündnis

Tauziehen um den Energieausweis

Berlin/Offenbach - Für eine Erneuerung des Energieausweises machen sich Verbände wie der TÜV Hessen und der Deutsche Mieterbund stark. Von Marc Kuhn

"Der Ausweis in der jetzigen Form bietet weder verlässliche Ergebnisse über das energetische Niveau des jeweiligen Gebäudes, noch ist er von den Verbrauchern als Instrument angenommen worden. Wer fragt bei Kauf oder Anmietung schließlich wirklich nach dem Energieausweis?", erklärte der Sprecher des Bündnisses Energieausweis und Geschäftsführer des Verbands Forum für Energieeffizienz in der Gebäudetechnik (VdZ), Michael Herma.

"Der neue Gebäudeenergieausweis soll das Bewusstsein dafür schärfen, dass jede verschwendete Kilowattstunde Energie auch eine Verschwendung finanzieller Ressourcen ist", sagte Michael Geißler, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Energie- und Klimaschutzagenturen Deutschlands e. V. (eaD). "Nur wenn Eigentümer und Mieter über den energetischen Zustand ihres Hauses fachlich korrekt und zuverlässig informiert sind, kann es ein Umdenken hin zu mehr Wirtschaftlichkeit bei der Energiebereitstellung und -nutzung geben."

Zehn Branchenverbände haben sich zum Bündnis Energieausweis zusammengeschlossen. Ihre Kritik: Der bisherige Ausweis sei "weit hinter seinen Erwartungen als klimapolitisches Instrument zurückgeblieben". Zum einen würden derzeit parallel der Bedarfsausweis und der Verbrauchsausweis genutzt, zudem seien bei dem Bedarfsausweis verschiedene Berechnungsmethoden möglich. "Die Ergebnisse sind untereinander in keiner Weise vergleichbar." Zum anderen lasse die Aussagekraft des derzeitigen Ausweises zu wünschen übrig.

"Ausweis soll für Transparenz sorgen"

Folglich verlangt das Bündnis eine Abkehr vom Dualismus des Bedarfs- und Verbrauchsausweises hin zum reinen Bedarfsausweis, mit einem einheitlichen Berechnungsverfahren. "Der Energieausweis soll bei Hauseigentümern und Mietern für Transparenz sorgen, vergleichbare Ergebnisse zur energetischen Beschaffenheit des Gebäudes liefern und rechtlich belastbar sein", erklärte der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland, Olaf Tschimpke. Nur so könne er als Grundlage für Rechtsgeschäfte, für Fördermittel oder andere verbindliche Aussagen dienen.

Kritik kommt vom GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Der geforderte Wechsel hin zu reinen Bedarfsausweisen bringe keine Vorteile, weil diese Instrumente nicht eindeutig seien. "Der Energieausweis, wie ihn die Energieeinsparverordnung vorsieht, kann lediglich grobe Diagnosen hinsichtlich des energetischen Zustandes von Gebäuden stellen", sagte GdW-Präsident Axel Gedaschko. "Genaue Aussagen zum Energiebedarf kann man nur mit einer ausführlichen Energieberatung für jedes Gebäude individuell treffen", erklärte er weiter.

Das Bündnis verlangt auch Effizienzklassen. "Die Darstellung als Bandtacho ist einfach nicht verbraucherfreundlich. Effizienzklassen, wie sie von Elektrogeräten bekannt sind, eignen sich aus unserer Sicht besser, weil der Verbraucher mit dem System bereits vertraut ist und sein Konsumverhalten danach orientiert", sagte Lukas Siebenkotten, Direktor des Deutschen Mieterbundes. "Wir möchten einen Ausweis, der jedem auf einen Blick zeigt, wie es um die Energieeffizienz seines Hauses bestellt ist und wo diese im Vergleich zu anderen einzuordnen ist." Der vom Bündnis vorgestellte Ausweis informiert über den energetischen Zustand des Gebäudes und gibt dem Käufer oder Mieter die Möglichkeit, die Wohnkosten, neben der Miete und sonstigen Nebenkosten auch die Heizkosten, abzuschätzen.

GdW-Chef Gedaschko: "endgültiges Chaos"

Der GdW-Chef meint dagegen: "Energieeffizienzklassen für Gebäude erscheinen nur auf den ersten Blick einfach und verbraucherfreundlich. Bei näherem Hinschauen sind sie im Bereich Wohnen jedoch völlig ungeeignet, weil sie keine wirklichen Rückschlüsse auf die warmen Betriebskosten zulassen." So könne beispielsweise ein gasversorgtes Gebäude der Klasse D die gleichen Energiekosten aufweisen wie ein fernwärmeversorgtes Gebäude der Klasse B. "Aus der bisherigen Unverständlichkeit des Energieausweises würde so endgültig Chaos entstehen", sagte Gedaschko.

Auch die Politik werde von einer einheitlichen Bewertungsgrundlage, die eine Vergleichbarkeit innerhalb des Gebäudebestands möglich macht, profitieren, erklärte dagegen das "Bündnis Energieausweis". Der Vorschlag sei ein Werkzeug, um die Energiewende im Gebäudesektor mit voranzubringen. "Wir sehen unseren Vorschlag zum Energieausweis als wichtiges Thema im Wahlkampf. Ziel der Bündnispartner ist es aber, einen langfristigen Anstoß zur Erneuerung des Energieausweises zu geben", sagte Bündnis-Sprecher Herma.

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