Wer wäre damals reingekommen?

Mühlheim - An dieser Frage hat Heribert Hennig heute noch zu knabbern. Wer wäre damals reingekommen - und wer nicht? „Wir hätten die Leute aussortieren müssen. Von 25 000 Mühlheimern hätte nur jeder fünfundzwanzigste durch die Tür gehen dürfen“, erzählt der Stadtbrandinspektor. Von Heiko Wiegand

Das sind nicht mal vier Prozent der Bevölkerung. „Und dann eine Massenpanik vor der Tür. Wer wollte denn all die Leute aufhalten? Der Bunkerwart vor dem Tor?“ Hennig lacht bitter.

20 Jahre nach dem Mauerfall stehen Mühlheims Erster Stadtrat Heinz Hölzel und der Stadtbrandinspektor vor einem Relikt des Kalten Kriegs: einem der größten Atomschutzbunker in der Region. Unter das Mühlheimer Rathaus hätten sich damals exakt 999 Menschen flüchten können - und zumindest für einige Zeit Schutz gefunden vor radioaktiver Strahlung, vor biologischen Waffen und chemischen Kampfstoffen. Heute stinkt es in dem dutzendfach mit runden Säulen abgestützten, kreisförmigen Betonraum nach Abgasen. Auf der Parkebene zuckeln Autos im Halbdunkel, ihre Fahrer halten Ausschau nach einer freien Lücke. Das Deck unter dem Innenhof gibt das Geheimnis seiner Entstehung in den 80-er Jahren erst auf den zweiten und dritten Blick frei.

Stadtbrandinspektor Heribert Hennig und Erster Stadtrat Heinz Hölzel (rechts) beim Rundgang.

Da fallen zum einen die massiven Stahltüren in den Aufgängen auf“, beschreibt Hölzel die Überbleibsel der Vorbereitung auf den Kriegsfall. Zudem ragen überall in der Tiefgarage - auch neben den Aufgangstüren - so genannte Überdruckventile in den Schutzraum hinein. „Diese rüsselförmigen Öffnungen klacken immer noch, wenn die Tür mit Schmackes zufällt“, sagt der Erste Stadtrat und demonstriert es gleich: Er öffnet die Tiefgaragentür und schmeißt sie mit Kraft zurück in die dicke Zarge. Klack. Das Ventil hat den Überdruck ausgeglichen, die gepresste Luft ist vom Inneren des Bunkers nach außen entwichen, die runde Metallklappe fällt zurück auf das Ventil.

Umgekehrt ginge das nicht“, erklärt Heribert Hennig. „Wäre von außen, nach einer Bombenexplosion, eine Druckwelle an den Bunker gekommen, wären die Ventile dicht gewesen - zumindest bis zu einem gewissen Detonationsdruck.“ In einem Bereich an der Wand, vor den Kühlergrills der Autos, stehen hinter einem grobmaschigen Metallgitter immer noch die Luftfilter. „Der Raum hätte im Fall der Fälle absolut dicht sein müssen - und die Insassen hätten ständig frische Luft benötigt“, erläutert Hölzel. Durch große Filter - einer wartet noch in Originalverpackung auf seinen Einsatz - hätten sie unten im Bunker die Außenluft angesaugt und im großen Rund verteilt. „Und um die Unabhängigkeit vom Strom zu gewährleisten, griffen die Architekten auf Menschenkraft zurück - die Filter funktionierten mittels Handkurbel.“

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In einem Garagen-Nebenraum wartet ein langer Trog - ähnlich denen in der Viehhaltung - mit mehreren Wasserhähnen auf seinen Einsatz. An der Wand hängen ein Pickel, ein Meißel, weiteres Bergungswerkzeug. Im Mühlheimer Gruselkabinett des Kalten Krieges ist die Zeit Ende der 80-er Jahre stehengeblieben. Der Werkzeugsatz von damals steht ebenso komplett wie nagelneu bereit, die Originalverpackungen sind noch mit Adressaufklebern mit vier Postleitzahlen versehen.

Zurückverwandlung würde etwa 200 000 Euro kosten

Könnte das Rathaus-Parkdeck denn seine ursprüngliche Bestimmung übernehmen, gäbe es - beispielsweise - Probleme im nur knapp 70 Kilometer entfernten Kernkraftwerk Biblis? „Grundsätzlich ist die Bausubstanz da, natürlich. Aber es würde geschätzte 200 000 Euro kosten, das alles wieder herzurichten“, sagt der Erste Stadtrat. Zumal dann auch Lebensmittel im Bunker oder zumindest in seiner Nähe bereitstehen müssten. Und soweit ist es nicht mal in Zeiten des Kalten Krieges gekommen.

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Für den Schutzraumbau gab‘s in den 80-er Jahren aus der Bundeskasse 700 000 Mark dazu, berichtet Hennig. In Mühlheim wollte man, als das Rathaus gebaut wurde (Fertigstellung: September 1983), auf die Finanzspritze nicht verzichten. Damals wurden in der Freiwilligen Feuerwehr eigens Wehrmänner ausgewählt und zum Bunkerwart weitergebildet. „Das wären dann diejenigen gewesen, die im Ernstfall vor der Tür gestanden und selektiert hätten“, sinniert Heribert Hennig und schaut nachdenklich durch die Bunkeröffnung, hinaus auf die belebte Friedensstraße. „Welch ein Glück, dass wir nie in diese Situation gekommen sind.“

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