Hessische Unternehmer: Nachwuchs wird zur Mangelware.

Wende auf Ausbildungsmarkt

Frankfurt ‐ Hessens Firmen haben nachdrücklich vor Problemen auf dem Ausbildungsmarkt und bei der Besetzung von Stellen mit Facharbeitern gewarnt. Von Marc Kuhn

Der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU), Volker Fasbender, sprach gestern in Frankfurt von dem „Beginn einer Entwicklung, in der Nachwuchskräfte von Jahr zu Jahr mehr zur Mangelware werden“. 2010 sei das Jahr des Paradigmenwechsels auf dem Ausbildungsmarkt. „Wir brauchen in Zukunft völlig neue Lösungen, wenn wir nicht riskieren wollen, dass der Fachkräftemangel in Deutschland zur Wachstumsbremse wird“, sagte Fasbender. Bei einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags vom August hätten 70 Prozent der Firmen angegeben, dass sie teilweise oder generell Probleme bei der Besetzung offener Stellen haben. Laut der Prognos-Studie 2010 drohe bis 2030 eine Fachkräftelücke von 5,2 Millionen.

Nach den Worten von Fasbender wird die Situation auf dem Ausbildungsmarkt durch die Statistik der Bundesagentur für Arbeit „eher vernebelt“. Nach den Angaben der Behörde vom Oktober stünden in Hessen etwa 43 000 Bewerbern knapp 34 000 gemeldete Ausbildungsplätze gegenüber. Gleichzeitig habe die Bundesagentur aber berichtet, dass es 740 unversorgte Bewerber und 1 587 unbesetzte Stellen gebe. Fasbender erklärte diesen scheinbaren Widerspruch in der Statistik damit, dass nur 60 bis 70 Prozent der angebotenen Lehrstellen der Bundesagentur gemeldet würden. So würden deutlich weniger Ausbildungsplätze gezählt als tatsächlich vorhanden seien.

Eine „realistische Bilanz“ würden die Zahlen der Industrie- und Handelskammern in Hessen liefern, berichtete Fasbender weiter. Ende September hätten sie ein Plus von 2,4 Prozent bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen gemeldet, die Handwerkskammer einen Anstieg von 6,4 Prozent. So gebe es mehr als 40 000 neu abgeschlossene Verträge. „Das Angebot der Wirtschaft an Ausbildungsplätzen liegt deutlich darüber“, sagte Fasbender. Es gebe ein Potenzial von weiteren fünf bis zehn Prozent an unbesetzten Lehrstellen, weil Unternehmen keine geeigneten Bewerber finden würden.

Der VhU-Hauptgeschäftführer erläuterte zudem, dass die Zahl der Grundschüler seit 1997 kontinuierlich sinke. „Diese Entwicklung ist 2010 endgültig auf dem Ausbildungsstellenmarkt angekommen.“ Zwar steige die Zahl der Schulabgänger durch die doppelten Jahrgänge wegen der Umstellung von neun auf acht Gymnasialjahre bis 2013 noch an. Dennoch gebe es auf dem Ausbildungsmarkt weniger Bewerber, weil immer mehr junge Menschen studierten, erklärte Fasbender. „Wir brauchen in einer veränderten demografischen Situation neue Lösungen und bessere Instrumente.“

So müssten die Unternehmen neue Konzepte suchen, um jeden Jugendlichen zu erreichen, sagte Fasbender. „Ob ein Jugendlicher Probleme haben wird, einen Ausbildungsplatz zu finden, ist bereits erkennbar, während er die Schulbank drückt.“ Deshalb habe das Bildungswerk der hessischen Wirtschaft mit dem Kultus- und Wirtschaftsministerium das Konzept „KomPo 7“ zur Kompetenzfeststellung und Berufsorientierung in der siebten Klasse gestartet.

Fasbender erklärte weiter, der Anteil älterer Arbeitnehmer in Unternehmen werde steigen. Qualifizierung sollte daher für alle Altersgruppen angeboten werden. Darüber hinaus seien eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit und eine Erhöhung der Wochenenarbeitszeit ernst zu nehmende Optionen. Fasbender sprach sich auch für eine gezielte Zuwanderung aus, die sich am Bedarf auf dem Arbeitsmarkt orientieren müsse.

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